AUF Schlag : That’s All Right Mama

Moritz Rinke über die Erinnerungs- systeme einer Medienrepublik

Moritz Rinke

Als ich zehn Jahre alt wurde, weinten alle Mütter, die mit ihren Kindern zu meiner Geburtstagsfeier gekommen waren. Sie saßen um unser Radio herum und hörten Elvis. Als ich zehn wurde, starb Elvis um 14 Uhr, und um 15 Uhr begann mein Geburtstag. Drei Wochen später wurde mein bester Spielkamerad auch zehn, und dieselben Mütter saßen um den Fernseher herum und stritten: Manche waren dagegen, andere befürworteten die Schleyer-Entführung, diese Mütter waren eben richtige 68er. Und als ich nun vergangene Woche drei dieser Mütter zu meinem nachträglichen Geburtstagskaffee versammelte, da weinten sie wieder.

Ich sagte: „Was ist denn jetzt schon wieder los?“ – „Lady Diana!“, rief eine Mutter, „vor zehn Jahren starb doch die Prinzessin der Herzen!“– „Verehrte Mütter“, sagte ich, „ich kann mich noch erinnern, dass es hier an diesem Tisch heiß herging wegen Schleyer, und jetzt Tränen für Ihre königliche Hoheit, die Prinzessin der Herzen? Ihr habt mir schon meinen zehnten Geburtstag versaut, warum weint ihr nicht um Elvis, 30 Jahre tot?“ „Mensch, Elvis!“, rief die andere, „ich liebe Elvis, ohne Elvis wären wir nichts!“, und dann legte meine eigene Mutter auf: „That’s All Right Mama“ von Elvis.

Abgesehen davon, dass die Berufsrevolutionärinnen, die uns auf die Welt brachten, heute um die Prinzessin der Herzen weinen, warum weinen, erinnern, gedenken wir eigentlich nur noch termingerecht? Die 68er fangen gerade an, sich pünktlich zu erinnern und ihr einstiges Revolutionärentum zu vermarkten zum 40. Jahrestag, da melden sich auch die 78er zu Wort mit ihrer gesellschaftlichen Bedeutung als Schwellengeneration.

Kürzlich hatte ich eine Anfrage, ob ich mich zu 68 äußern wolle, Abgabetermin in zwei Wochen. Ich antwortete: Zwei Wochen schaffe ich nicht, geht auch vier? Zu spät, sagte man, in zwei Wochen werde alles für Mai 08 eingetütet. So geht das. Man erinnert sich schon vor, damit man dann, wenn der Termin kommt, präsent ist. Eine Erinnerung über 68, mit der man im November 08 auf den Markt käme, wäre vermutlich dumm. Es kann sein, dass man sich dann zwar genau zum Termin an 68 erinnert, aber wenn man nicht vorher damit fertig war, kommt man trotzdem zu spät. Im November 08 wird man nämlich 68 schon vergessen haben.

Bald stehen, glaube ich, Bismarck oder Beckenbauer an, Hegel oder Schlegel, was aber ist mit dem 250 000-fachen Mozart-Gesample aus dem letzten Jahr und den allein schon 50 000 Brecht-Erinnerungen im Tagesspiegel? Mir hätte eine gereicht, denn über Brecht weiß ich nun so viel als wie zuvor. Eher weniger. Vielleicht ist das so mit Erinnerungsschlachten in einer Medienrepublik. Werden wir auch mit 68 auf eine Art Bulimie zusteuern? Einen Heißhunger, der allmählich beginnt und ab Juni 08 in einem Erbrechen enden wird? So war es vor einiger Zeit mit Schiller (was für ein Überdruss), so war es mit dem 11. September (fällt diesmal aus, zu krumm) – und so wird es mit 68 enden.

Je mehr sich eine Medienrepublik erinnert, umso mehr ist danach das Erinnerte vergessen. Bis uns die digitalen Archive termingerecht einen runden Weckruf schicken und die Geschichte in dieser Bewusstseinsbulimie weiterlebt. Und alle zehn Jahre läuft bei den Müttern „That’s All Right Mama“.

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