Kultur : Auf Steinbecks Spuren

Gemüsegärten in der Geisterstadt: Geert Maks Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika.

Boris Peter
Zeit im Bild. Magnum Photos wurde 1947 in Paris von Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Georg Rodger und David Seymour als Kooperative gegründet. Heute gehören rund 40 Fotografen zu der vermutlich bekanntesten Fotoagentur der Welt, ihr Archiv eine eindrucksvolle Geschichte der Welt seit dem Krieg (Bild: Elliott Erwitt, New York, 1950).
Zeit im Bild. Magnum Photos wurde 1947 in Paris von Henri Cartier-Bresson, Robert Capa, Georg Rodger und David Seymour als...

Als John Steinbeck im September 1960 mit seinem Pudel Charley in einem grünen GMC-Truck von dem Ostküstenort Sag Harbor aus zu einer Reise durch die USA aufbrach, befand sich das Land in einem Wandel. Die traditionelle Einfachheit, von der das Land noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt war, schwand. Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges war das Verlangen nach Konsum groß. Exakt 50 Jahre nach dieser Reise, die Steinbeck in „Travels with Charley“ literarisch verewigte, folgt nun der niederländische Journalist und Historiker Geert Mak der Route des amerikanischen Schriftstellers. Und abermals sind die USA im Umbruch: Konsumrausch und horrende Schulden bescheren dem Land 2008 die schwerste wirtschaftliche Krise seit 80 Jahren.

Seine Reise führt den Autor vornehmlich durch das ländliche Amerika. Er fährt an den Kartoffeläckern Maines und den Kornfelder Michigans vorbei und durchquert die Prärie bis zum Pazifik. In Motels und Diners redet er mit Farmern, Fabrikarbeitern und Lehrern. Allenthalben spürt er eine tiefe Verunsicherung: Vielen Amerikanern scheint der einstige Optimismus abhandengekommen. Ausführlich befasst sich der Autor mit der wachsenden Armut in den USA, ohne dabei in Resignation zu verfallen. So betont er die wichtige Rolle der Kirchen, die, weitaus mehr als in Europa, nicht nur religiöse, sondern vor allem soziale Gemeinschaften seien. Dass sich zahlreiche Amerikaner ehrenamtlich in der „community work“ engagieren, sei maßgeblich das Verdienst religiöser Organisationen, mag das Gebaren einiger dieser Gruppen aus europäischer Perspektive manchmal noch so befremdlich anmuten.

Mak schildert die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur ausgewogen und einfühlsam, es gelingt ihm außerdem, die amerikanische Geschichte gleichermaßen anschaulich und lebendig werden zu lassen: Als er in einem Heimatmuseum in Deerfield, New Hampshire, hängen bleibt, entdeckt er kunstvoll bearbeitete Kuhhörner, eines sogar mit einem Konterfei Washingtons verziert, in denen während des Kolonialkrieges Schießpulver aufbewahrt wurde. Von da schlägt er einen Bogen zur Unabhängigkeitserklärung. Bekanntlich wurde diese am 4. Juli 1776 proklamiert, doch die offizielle Unterzeichnung fand erst am 2. August 1776 in Philadelphia statt. Anders als häufig dargestellt, sei die Stimmung dort äußerst gedrückt gewesen; die Erklärung bedeutete nichts Geringeres als Hochverrat an den Briten. Für den Arzt und Mitunterzeichner Benjamin Rush kam dies der Ausstellung des eigenen Todesurteils gleich. Von Pathos und Überschwang unter den Kongressmitgliedern also keine Spur.

Die Reise endet in New Orleans, wo Steinbeck im November 1960 Zeuge der Einschulung der siebenjährigen Ruby Bridges wurde, die als erste schwarze Schülerin die „William Frantz Elementary School“ besuchte. Zwei Tage nach ihrer Einschulung betraten von insgesamt 575 Kindern außer Ruby nur noch zwei weitere Mädchen das Schulgebäude – empfangen von einem weiblichen Mob. Gewiss habe sich seither vieles geändert, schreibt Mak. Die räumliche Segregation in den Großstädten löse sich langsam auf, und immer häufiger würden Ehen zwischen Schwarzen und Weißen geschlossen. Gleichzeitig sei die Situation für Schwarze auf dem Arbeitsmarkt und in den Schulen noch immer schwierig. Rassismus, meint Mak, sei nach wie vor von einiger Relevanz, wenngleich die offene Diskriminierung, wie sie Steinbeck im Süden erlebte, heute selten sei.

Zu den interessantesten Passagen des Buches zählen die Ausführungen über Detroit, einer „modernen Geisterstadt“: Die Läden in der Innenstadt verrammelt, die Parkplätze verwaist, und die Bürgersteige leer, allenfalls seien ein paar Angestellte privater Sicherheitsdienste zu sehen. Als Steinbeck 1960 Detroit besuchte, gehörte es dank der Autoindustrie noch zu den fünf reichsten Städten Amerikas. Allerdings setzte der Niedergang von Motown schon damals ein, denn die Autokonzerne produzierten lieber „Jukeboxes on wheels“ statt technisch höherwertige und damit international konkurrenzfähige Fahrzeuge. General Motors wurde 2009 durch staatliche Gelder in Milliardenhöhe gerade noch einmal gerettet, aber die Stadt Detroit selbst musste im Juli 2013 Konkurs anmelden. Und doch: Am östlichen Stadtrand findet der Autor sich plötzlich auf der Heidelberg Street wieder, die einige Künstler zu einem großen Kunstprojekt umgestaltet haben. Noch immer winden sich kaputte Kabel aus der Straße, doch findet man dort jetzt auch bunt angestrichene Häuser, Skulpturen und Gemüsebeete. Sogar Hühner werden gehalten, und gelegentlich fährt gemütlich ein Radfahrer die Straße entlang.







– Geert Mak:

Amerika! Auf der

Suche nach dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Siedler-Verlag, München 2013. 624 Seiten, 34,99 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben