Kultur : Auf- und Verklären

ECKART SCHWINGER

Der hochangesehene Spezialist für alles Moderne bescherte in seinem zweiten BSO-Konzert schon insofern eine Überraschung, als er gleich zwei außerordentlich emphatische und zeitlich nicht allzuweit auseinanderliegende spätromantische Werke unter dem dubiosen Thema "Verklärung" aufs Programm setzte.Sie können beide, wenn man sie in ihrer Klangsinnlichkeit auch nur leicht übersteigert, peinlich berühren.Aber sogleich bei der so fieberhaften wie weihevoll-pathetischen Tondichtung "Tod und Verklärung" op.24 von Richard Strauss, die, wie der Komponist sagt, "die Todesstunde eines Menschen, der nach den höchsten idealen Zielen" strebte, darstellen soll, ließ Gielen nichts allzusehr ins Unbehagliche oder gar Uferlose verströmen.Zumal er für eine beträchtliche Zufuhr frischer, bisweilen sogar recht forscher Impulse sorgte.Aber dieser noch an Liszt orientierte, rückwärtsgewandte und heute in jeder Beziehung besonders fern wirkende Strauss (böse Zungen nennen ihn auch "Tod durch Erkältung") blieb auch unter dem streng agierenden Gielen das, was er eigentlich schon immer war: ein hochwogendes Virtuosenstück für ein großes Orchester.Aber als ein großes Strauss-Orchester, als ein großer Strauss-Dirigent erwiesen sich weder Gielen noch das BSO.Vergleicht man diesen insgesamt etwas hausbacken und grobkörnig klingenden Berliner Strauss zum Beispiel mit dem Dresdner Staatskapellen-Strauss, so wird man von einem raffiniert gemixten Hochglanz nicht sprechen können.

Vor dem wiederum klassischen Ausklang, diesmal mit Mozarts "Prager Sinfonie" in D-Dur KV 504, erklang Arnold Schönbergs "Verklärte Nacht" op.4 in der Fassung für Streichorchester.Das noch im Banne von Wagner und Strauss komponierte Streicherwerk irritierte sicherlich auch an diesem Abend manchen Zuhörer, der nicht vermutet hatte, daß er hierbei den großen musikalischen Revolutionär als einen faszinierenden Spätromantiker kennenlernen würde.Da kann der eine oder andere schon mal nach dem ersten Hören der von farbtrunkener Klangatmosphäre getragenen Musik zu der Meinung neigen, daß sie zu schön ist, um wahr zu sein - diese zum Sinfonischen drängende Kammermusik auf ein heutzutage weniger herausfordernd als schauervoll wirkendes Gedicht von Richard Dehmel.Aber auch dabei sorgte Gielen für eine kluge dramaturgische Orientierung, klangliche Analyse, Aufhellung und Konturenschärfung.Und bei allem dunklen Treiben in dieser "Verklärten Nacht", in der schließlich Liebe und Natur über alle Schreckensbilder siegen - die BSO-Streicher verirrten sich in keinem Augenblick in dem nächtlichen Klangdickicht.Dieser frühe, vielfach verflochtene, vielstimmige Schönberg gewann bei allem reichen Farbspektrum und glutvollen Wohlklang oft erstaunlich zeitnahe Ausdruckszüge.Er wurde mitunter in einem schlanken Klangstil musiziert, als handele es sich um die ursprüngliche Sextettfassung.

Noch einmal heute, Schauspielhaus, 20 Uhr

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