Kultur : Auf verbotenem Terrain

Peter Herbstreuth

Im Juni 1989 stieg der Berliner Fotograf Werner Zellien über den Zaun der Villa Minoux am Wannsee und fotografierte das seit langem verlassene und verfallende Gebäude in harten Kontrasten. Von den 45 Aufnahmen wählte er 36 Abzüge aus und zeigte sie Mitarbeitern der Berlinischen Galerie, des Deutschen Historischen Museums und des DAAD. Niemand wollte sie haben oder zeigen. Nur der Künstler Micha Ullmann war interessiert und tauschte eine Fotografie gegen eine Zeichnung. Dabei blieb es. Werner Zellien legte die Sammlung in das Depot für unerledigte Fälle. Er wusste nicht recht, weshalb die ebenso nüchterne wie suggestive Fotoserie auf Ablehnung stiess. Lag es an der alten Villa, an der Art der Fotos oder an dem Umstand, dass er zwar als äußerst geschätzter Auftragsfotograf bekannt ist, der Werke anderer Künstler für Kataloge dokumentiert, aber bis dahin nicht in eigenem Namen mit Werkideen auftrat?

Nicht nur Bücher haben ihre Geschichte, wie das Sprichwort sagt, sondern auch Dokumentationen. Durch Vermittlung einer Mäzenatin an die Ronald Lauder Foundation und das Centrum Judaicum kam die Serie schließlich dahin, wo sie jetzt zu sehen ist - ironischerweise wohl aus jenem Grund, weshalb sie zunächst abgelehnt worden war. Denn "Die Villa" - so der Titel der Schau - wurde unter dem Namen "Wannsee-Villa" berüchtigt. Hier fiel der Beschluss zur "Endlösung der Judenfrage." Und man kann in Zelliens Serie, den nach der Renovierung der Villa nicht mehr kenntlichen Kamin sehen, an dem Eichmann und Heydrich nach getaner Arbeit erleichtert Kaffee mit Cognac zu sich nahmen. Später in Jerusalem wird Eichmann davon berichten. Auf die Kaminwand schrieb irgendwann ein Namenloser die Zahl 18; sie bedeutet in der jüdischen Symbolik "Leben". Heute sind solche Spuren getilgt. Doch Zelliens Serie bewahrt sie für alle Zeiten. Er kommentiert sie nicht, setzt sie nicht expressiv in Szene, sondern bleibt der kühle und umsichtige Dokumentarist, der die Villa mit zwei Mal 18 Fotos im Zustand des Verfalls festhält, als habe er den Auftrag vom Denkmalschutz erhalten.

Dabei wird "Die Villa" nicht zu "einer" Villa; denn die Wände sprechen Bände. Und seine Ästhetik des Faktischen kommt den Komplikationen der Rezeption am Besten entgegen, weil sie sie nicht löst, sondern mit untrüglichem Blick darstellt. Um solche Souveränität in der Repräsentation zu erreichen, muss man aber über den Zaun gesprungen sein. Denn jede Kunst beginnt mit einer geglückten Übertretung (Preise auf Anfrage).

Gegenüber diesem Niveau aus Behutsamkeit und Neugier, die sich auf den Besucher überträgt und ihn zum Sehen animiert, fällt die inszenierte Raserei des jungen Fotografen Jonny de Brest rapide ab. Er hat im heutigen Oswiecim etwas überstürzt und offenbar aus der Hüfte fünfzehntausend verwackelte Fotos geschossen, stellte überdies eine karnevelske Hexe in tausend Verrenkungen grell zwischen die Häuser und droht, aus dieser Überinszenierung "einen Fotoroman aus 15 000 Aufnahmen" zu machen.

Die Grotesken beziehen sich, so Jonny de Brest, auf die Legende von Dracula. Auschwitz und Dracula - offenbar hat der Dreißigjährige den Ehrgeiz, alle Peinlichkeitsschwellen zu nivellieren. Sein Grossvater starb in einem Arbeitslager. Der Enkel verlässt sich nun auf Expressivität und den Namen Auschwitz, um in der Kunst mit Punker-Attitüde zu reüssieren: Jeder darf hier einfach drauflos fotografieren, je oller, desto doller.

In einem Kabinett der Galerie läuft ein Video von Rivka Rinn. Es zeigt den Blick auf Gleise, die zuckend und blitzend das Bildfeld durchkreuzen. Merkwürdig: Genau hingeschaut hat nur Werner Zellien - trotz des Drucks, sich seinerzeit auf verbotenem Terrain zu bewegen.

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