Kultur : Auf verwischter Spur

Transformationen, Stürze, Irrfahrten: Aleš Štegers Gedichtband „Buch der Körper“.

Nico Bleutge

Wenn Aleš Šteger sich ein Alphabet baut, dann mag es zwar aus 25 Buchstaben bestehen (wie das slowenische Alphabet), aber für Šteger ist ein Wort nicht einfach ein Wort. Das Wort „schon“ etwa saugt dem Schreibenden die Zeit ab. Es erzeugt Durst und eine Lust auf mehr, verlangt ein Ereignis, das die Pupille stillt: „Und schon / Ist in der Pupille / Eine Wüste, / In der Wüste / Ein Kamel, / Das dieses Gedicht / Durchquert“.

Štegers Verse leben von der Kraft der Assoziation, von Umkehrungen und paradoxen Figuren. Die Bedeutungen verwandeln sich fortwährend, haften nicht an den Namen. „Sinn / Wächst nicht an“, heißt es in einem Gedicht. So laufen die Wörter von einem „schummrigen Tunnel“ zum nächsten, durchqueren allerlei Möglichkeiten und werden immer wieder zu jenen Wunderdingen, die der slowenische Dichter in seiner Berliner Skizzensammlung „Preußenpark“ (2009) beschrieben hat: „Minidynamos für die Träume, Schlüssel, die das Vergessene aufsperren, Hebel kleiner Wünsche und Phantasien.“

Nach dem „Buch der Dinge“ (2006) hat Aleš Šteger nun ein „Buch der Körper“ geschrieben. Überaschenderweise spielt er die Wahrnehmung darin nur indirekt aus. Den Körper als das vermeintlich Andere des Denkens fasst er als ein Gebilde, das zum Ausdruck drängt: Die Äußerungen des Körpers lassen sich als Zeichen verstehen und deuten. Umgekehrt können gerade die Wörter wie Körper erscheinen, sie können schnüffeln und streunen oder an eine transparente Membran erinnern: „Der Übergang / pulsiert“.

Zu drei Kapiteln hat Šteger seine Körperverse angeordnet. Fast asketisch muten die ersten Gedichte an, abstrakte Variationen einer Schöpfungsgeschichte, die um Begriffe wie „Einer“, „Etwas“ oder „Nichts“ kreist. „In keiner Richtung. / Auf verwischter Spur“ macht Šteger die vermeintlich festen Bestimmungen wieder flüssig. So reduziert das erste Kapitel erscheint, so vielschichtig und schillernd ist das zweite mit seinen weit ausgreifenden Prosagedichten. Erzählerisch und bildlich fächert Šteger die Fragen noch einmal neu auf. Und schafft eine Melange aus Erinnerung, Beschreibung, Wortspiel und poetologischer Reflexion, in der sich das eine vom anderen gar nicht trennen lässt. Eben noch skizziert er einen Traum, schon wechselt er zu einer philosophischen Betrachtung, macht Spaziergänge durch die englische Landschaft oder erinnert sich an jene slowenische Gegend rund um das Städtchen Ptuj, wo er 1973 geboren wurde.

Von „Scherben blau glasierter Ziegel“ ist einmal die Rede. Und die einzelnen Strophen wirken tatsächlich wie Bruchstücke. Aleš Šteger fügt sie in jedem Gedicht zu einer eigenen Konstellation, in der die unterschiedlichsten Ideen und Sprachschichten sich gegenseitig in Schwingung versetzen: Zitat und Empfindung, Gedanke und Bild, Hoher Ton und Ironie. Erst im letzten Kapitel kehrt er zur schmalen Form zurück. Hier splittert er die Bewegungen über Zeilensprünge auf. Matthias Göritz hat Štegers Sprache in ein Deutsch verwandelt, das all diese „Transformationen, Stürze, Irrfahrten“ gut einfängt. Nico Bleutge

Aleš Šteger: Buch der Körper. Gedichte. Aus dem Slowenischen und mit einem Nachwort von Matthias Göritz, Schöffling, Frankfurt/Main 2013. 149 Seiten, 19,95 €.

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