Kultur : Auf wen ist die Jugend so wütend?

Matthias Kalle

Am Freitag, den 20. Juli 2001, starb Carlo Giuliani, weil er wütend war auf die Welt. Giuliani war einer von mehreren tausend Globalisierungsgegnern, die in Genua gegen das Treffen der Staats- und Regierungschef der G-8-Staaten demonstrierten. Der 26-Jährige wurde von einem Polizisten erschossen, nachdem er mit einem Feuerlöscher auf den Beamten zugestürmt war. Carlo Giuliani war das erste Todesopfer der Anti-Globalisierungsbewegung, er wurde zu einem Märtyrer, für manche sogar zu einem Helden.

Am Freitag, den 26. April 2002, starb Robert Steinhäuser - war er auch wütend auf die Welt? Steinhäuser erschoss sich, nachdem er 16 Menschen tötete. Natürlich kann man einen Amokläufer nicht mit einem Globalisierungsgegner vergleichen. Steinhäuser plante seine Tat. Er starb, weil er es wollte. Jetzt suchen Psychologen, Soziologen, sogar Genforscher nach einer Erklärung. Und doch fällt auch hier immer dieses eine Wort: Wut.

Vielleicht ist es jetzt, neun Tage nach Erfurt, an der Zeit, über Jugend und Wut nachzudenken - auch weil in der Woche nach dem Amoklauf aus der Trauer der Erfurter Schüler die Wut herausbrach. Denn sie wollen eine Antwort auf die Frage nach dem "Warum?". Sie sprechen viel über die Anforderungen der Gesellschaft, über Leistung, über mangelnde Menschlichkeit, über das Funktionieren. Und darüber, dass man jetzt etwas tun müsse, irgendetwas. Die Jugendlichen stehen auf einmal vor ihrem Leben, und sie fühlen, dass sie es nicht in der Hand haben, es vielleicht niemals in den Griff bekommen würden. Dieses Gefühl, diese Wut, kam nicht plötzlich, es war schon immer da, denn Jugend und Wut, diese Verbindung, ist eine alte Geschichte.

Jung zu sein, bedeutete immer auch wütend zu sein: auf die Eltern, auf den Staat, auf das Leben und auf die, denen es besser geht, und wenn man jung ist, dann geht es jedem besser als einem selbst. Jung sein bedeutet nämlich auch: einsam sein, unglücklich sein. Cool sein, beliebt sein, das ist für die meisten nur ein Traum, eine Hoffnung. Und doch ist es so, dass die Wut der Jugend sich geändert hat.

Wut war schon immer ein Teil der Jugend- und der Popkultur. Vor über 30 Jahren zertrümmerte die Band "The Who" ihre Gitarren auf der Bühne und sang von "My Generation". Ende der siebziger Jahre war Punk, Anfang der Neunziger sang sich Kurt Cobain mit "Nirvana" den Weltschmerz von der Seele und lieferte den Soundtrack für die Generation X. Aber nach Genua versuchten einige, die Wut aus der Subversivität in den Mainstream zu führen. Als es einige Wochen nach Giulianis Tod in Birmingham zu Straßenkrawallen kam, zeigte ein englisches Lifestyle-Magazin Fotos von brennenden Autos auf der Titelseite, dazu die Schlagzeile: "Where were you, when we were getting wild?" - wo wart ihr, als wir uns ausgetobt haben. Der Satz zitiert, leicht abgewandelt, die britische Popband Oasis. Dort heißt es in einem Liedtext: "Where were you, when we were getting high?" - wo wart ihr, als wir uns zugedröhnt haben. Wut sollte die neue Droge sein, Straßenschlachten die besseren Partys, das "Dagegensein" das nächste große Ding. Die hippsten Popstars inszenieren sich eh schon seit längerem als wütende, junge Männer, als "angry youg men."

Das Rollenmodell ist nicht neu, in der Popkultur gibt es das spätestens seit James Dean. In dem Film "Denn sie wissen nicht, was sie tun" - dessen Originaltitel "Rebel without a cause" die Sache besser trifft - lehnt sich Dean gegen seinen Vater auf, der ein Jammerlappen ist, gegen die Lehrer, die ihn nicht verstehen und natürlich gegen die, die an der Schule beliebter sind und die hübscheren Mädchen küssen. Dean sah fabelhaft aus, und er gab seiner Wut auf die Welt etwas Romantisches und Verletzliches. Damals galt: Wer wütend ist, spürt zumindest etwas. Spürt, das er am Leben ist, wie wenn man verliebt ist - und sei es nur unglücklich.

Auch in "Fight Club", der vor zwei Jahren in unseren Kino lief, sind körperliche Schmerzen das einzige Mittel, um die eigene Lebendigkeit zu spüren - in einer Gesellschaft, die alle anderen Empfindungen abtötet. Ein junger, frustrierter Mann prügelt sich in einer Art sportlichem Wettkampf mit anderen jungen Männern - Wut war hier eine Flucht. 40 Jahre vorher, bei James Dean, war Wut hingegen eine Haltung.

In der Realität ist Wut aber weder eine Flucht, noch eine Attitüde. In der Jugend ist sie ein diffuses Gefühl, ein Schutz gegen Niederlagen und Demütigungen. Und sie ist wichtig, denn sie schafft eine Haltung zur Welt. Wut hilft zu unterscheiden zwischen dem, was man will und dem, was man nicht will. "Ich bin wütend" meint: "Damit bin ich nicht einverstanden." Wut kann das Gegenteil von Lethargie sein - allerdings nur dann, wenn sie konstruktiv ist, wenn sie sich artikuliert, wenn man ein Gegenüber findet, der einem zuhört - und der Lösungen anbieten kann.

Doch seine Wut zu artikulieren, daran scheitern Jugendliche, vor allem die männlichen. Sie reden darüber nicht mit ihren Freunden, sie schreiben es nicht auf - für ihre Wut finden sie kein Ventil, sondern immer nur etwas, was die Wut verstärkt: Computerspiele, Filme, Musik.

Seit zwei Jahren ist der amerikanische Rapper Eminem der größte männliche Popstar der Welt, im Juni erscheint sein neues Album "The Eminem Show". Was er liefert, ist wirklich: Show. Eminem, der im wahren Leben Marshall Mathers heißt, kommt aus der weißen Unterschicht Detroits, seine Selbstinszenierung besteht aus Hass. Er hasst jeden, davon erzählt er in seinen Liedern und in jedem Interview: Er hasst Britney Spears als seinen weiblichen Gegenentwurf, er hasst Boybands, Schwule, seine Ex-Frau, seine Mutter. Für seine Musik erhielt er in den letzten Jahren unzählige Auszeichnungen, seine Alben verkaufen sich millionenfach auf der ganzen Welt.

Eminem ist ein ein perfektes Kunstprodukt, dass ähnlich funktioniert wie die No Angels. Während die No Angels mit ihrer Botschaft von Liebe und Spaß ein weibliches Publikum ansprechen, befriedigt Eminem die Sehnsucht der Jungen nach Rebellentum. Seine Hörer verehren ihn, weil er das ausspricht, was sie denken. Aber vielleicht ist es ja so, dass sie es denken, weil Eminem es ausspricht.

Aber was Eminem ausspricht, denkt er sich selten selber aus. Während eines Fototermins sollte Eminem zwischen verschiedenen T-Shirts wählen, auf einem stand: "Ich habe einen Backstreet Boy gefickt." Sein Manager empfahl ihm ein anderes. Seine Begründung: "Wir sind längst weiter." In seinem neuesten Video soll Eminem angeblich als Osama bin Laden auftreten.

Der Schock, die Subversivität, der Hass - all das verkauft sich gut, aber es ist nicht echt: Marylin Manson nennt sich einen Rocker, der einmal Journalist war und sich ein Image zurecht gelegt hat - jetzt gilt er als böser Bube, der kleine Mädchen verführt. Auch Slipknot, die Lieblingsband von Robert Steinhäuser, besteht nicht aus Psychopathen, wie überall zu lesen war. Sie bestehen vor allem aus einem Image: ihre Auftritte, ihre Videos, ihre Lieder - alles inszeniert.

Vor kurzem beantwortete Eminem in einem Interview mit dem britischen "Guardian" die Frage, wie oft er bereits verliebt war, mit: "Einmal. Und das reicht mir." In der Ablehnung der Liebe ahnt man wieder die Inszenierung, die Lüge. Aber diese Lüge kommt dem Lebensgefühl der Jugend vielleicht nahe: Am Tag von Carlo Giulianis Beerdigung schrieb ein 17-Jähriger in das Gästebuch der Internetseite www.indymedia.org , einer Art Nachrichtenzentrale der Bewegung: "Ich kenne die Liebe, aber nun lerne ich die Wut kennen und die Trauer und irgendwie auch den Hass. Ich will nicht aufhören zu leben, also werde ich das Kämpfen lernen." Seinen Namen nannte er nicht.

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