Kultur : Auf Wolke zwei

Konfusion und Kollision: „Science of Sleep“

Christiane Peitz

Wer behutsam genug ans Werk geht, kann in seinen Träumen herumspazieren wie in einer Höhlenlandschaft. Kann Wattewolken an die Zimmerdecke zaubern, wenn er auf dem Klavier die richtigen Akkorde anschlägt. Kann Filzvögel flattern lassen, eine Badewanne mit Zellophanpapierwasser füllen und den Rasierapparat in einen Monsterkäfer verwandeln.

Nein, dies ist kein Kinderfilm. Michel Gondry, der virtuose, hollywooderprobte Regisseur aus Frankreich, weigert sich bloß, erwachsen zu werden. Ein Fantast, ein Tüftler – und Stéphane (Gael Carcia Bernal) ist sein Alter Ego. Der kommt mit knallbunter Strickmütze aus Mexiko zurück nach Paris in die Wohnung seiner Mutter. Vor der Schuhkarton-Kamera im imaginären TV-Studio braut er unentwegt Träume zusammen.

Im Treppenhaus trifft er die neue Nachbarin Stéphanie (Charlotte Gainsbourg), eine kindsköpfige, schüchterne Melancholikerin. Stéphane und Stéphanie: So ist das mit der Liebe. Treffen sich zwei Menschen auf der Straße, wollen sich ausweichen und prallen doch zusammen. Stéphane mag solche Konfusionskollisionen: Er jobbt im Kalenderverlag, der Tier- und Pornotitel herstellt, bis er den Kollegen einen Katastrophenkalender vorschlägt. Erdbeben, Flugzeugabstürze, das wär doch was.

Vor lauter Ideen gehen Michel Gondry mitunter die Pferde durch – auch wenn es nur ein Stoffpony mit Wollmähne ist. Macht nichts. Gondrys bizarre, mitunter morbide, selbstvergessene Bilderflut ist handgefertigt. Man sieht die Mechanik der Fantasie samt Pannen, und die sind am schönsten. „Science of Sleep“ lehrt den Zuschauer das Staunen über den Urknall der Liebe und alle Verrücktheiten, die garantiert anders funktionieren als geplant. Hinterher will man selber Wolken bewegen, indem man auf dem Klavier ein paar Töne anschlägt.

Broadway, FT Friedrichshain, Kant, Kulturbrauerei, Off, Zoo-Palast; OV im Cinestar Sony-Center, OmU in den Hackeschen Höfen und im Odeon

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