Kultur : Auf Zucker gebaut

Wie zusammen leben? Auf der Sao-Paulo-Biennale besinnt sich die Kunst auf ihre lokalen Bezüge

Thomas Wulffen

Der Ruf der Kunstmetropole Berlin erklingt besonders laut in Berlin selbst. Als Teil des Stadtmarketings ist das verständlich. Aber wird dieser Ruf auch außerhalb gehört? Auf der Biennale von Sao Paulo findet er tatsächlich einen deutlichen Widerhall, denn von den 118 Künstlern, die an der 27. Ausgabe der neben Venedig ältesten Kunstbiennale beteiligt sind, stammen sechs Teilnehmer aus Berlin. Diese Anzahl wird nur noch von Paris mit sieben Nennungen geschlagen. Neben bekannten Namen wie Monica Bonvicini oder Tacita Dean findet sich zum Beispiel auch der Japaner Shimabuku, der eine der wenigen humorvollen Arbeiten zur Ausstellung beiträgt. Er ließ sich von zwei Straßensängern eine Performance in Strophen umsetzen. Der Betrachter erlebt nun, wie Kunst zum öffentlichen Liedgut wird.

Ulrike Groos, Kuratorin des deutschen Beitrags, kann die starke Präsenz Berlins in Brasilien nur erfreuen. Unter der neuen Leitung von Lisette Lagnado hat sich Sao Paulo endlich von den nationalen Repräsentanzen verabschiedet und gliedert alle Künstler in eine Gesamtausstellung ein. Ein mutiger Schritt, der überzeugt. Schließlich stellen die Künstler im Sao-Paulo-Pavillon von Oscar Niemeyer aus, wo es naheliegt, die Halle nicht erneut national aufzuteilen. Schließlich ist zeitgenössische Kunst ein globales Unternehmen, was sich schon daran zeigt, dass im Vormonat auf der gegenüberliegenden Globusseite die Biennalen von Singapur, Schanghai und Gwangju eröffnet wurden.

Globale Kontexte sind umso mehr angeraten angesichts des Themas dieser Biennale: Wie zusammen leben? Es leitet sich von einer Vorlesungsreihe von Roland Barthes ab, die der Philosoph 1976/77 am Collège de France gehalten hatte. Als weitere Figur im Hintergrund erscheint Helio Oiticica, dessen Werk es im europäischen Raum noch zu entdecken gilt. Die Ausstellung selbst erscheint teilweise wie ein postmoderner Unterhaltungspark – so in der Airport-City von Tomas Saraceno aus Frankfurt, einem riesigen über drei Stockwerke reichenden PVC-Zelt, in dem der Besucher herumklettern kann. Gemeinsam mit der Videokünstlerin Jeanne Faust aus Hamburg, die wie Damiàn Ortega vor Ort von ihrer Nominierung für den Berliner Preis für junge Kunst der Nationalgalerie erfuhr, repräsentiert er offiziell die Bundesrepublik in Sao Paulo. Das „Storage Piece“ von Hague Yang, dem sechsten „Berliner“ in Sao Paulo, eröffnet seine Bedeutung erst nach der Lektüre des begleitenden Textes. Dann aber wird aus der Ansammlung von Alltags- und Kunstobjekten eine geistreiche Reflektion zum Betriebssystem Kunst.

Statt neuer Malerei wie auf der vorherigen Biennale überwiegt nun dokumentarische Fotokunst. Beispielhaft dafür sind die Arbeiten von Guy Tillim mit eindringlichen Beobachtungen von afrikanischen Krisenherden. Zusammenleben meint auf dieser Biennale nicht nur den politischen Raum, sondern auch die Stadt, das Haus oder Design. Bei Barbara Vissers Befragung einer 80-jährigen Innenarchitektin wird Design sogar zu einer Art Lebensbeschreibung. Monica Bonvicini lässt die Männer gegen Wände laufen und darin stecken bleiben. Deren Spuren an Wand, Boden, Decke bleiben erhalten.

Lars Rambergs Lichtinstallation des Begriffs „Zweifel“ auf dem Palast der Republik, in Sao Paulo nun als Videoprojektion, antwortet wiederum auf die Frage nach dem öffentlichen Raum. Das Konglomerat aus Sehenswürdigkeiten verschiedener Städte, aus Zucker aufgebaut von Meschac Gaba, wird zu einer ganz eigenen Sehenswürdigkeit. Mit den Präsentationen von Gordon Matta-Clark und Marcel Broodthaers, deren Werk noch nie in Brasilien zu sehen war, betritt Sao Paulo Neuland. Dreißigtausend Quadratmeter haben die Künstler insgesamt zu bespielen; einige tausend gleichen eher einer Messe, womit sich eine unausgesprochene Wahrheit jeder Biennale offenbart: Die großen Kunstmessen, sei es in London oder Basel, haben den Biennalen längst den Rang abgelaufen.

Für die global player der Kunst bleibt unterm Strich der lokale Bezug, den einige Künstler bereits als artists in residence erleben konnten, zum Beispiel Susan Turcot, deren Zeichnungen nach Begegnungen mit der indogenen Bevölkerung entstanden sind. Allerdings sind ihre Arbeiten im Ausstellungspavillon so sehr an den Rand gerückt, als solle dem Thema möglichst wenig Platz gegeben werden. Vielleicht erging es den Kuratoren auch wie dem Architekten Rem Koolhaas, den die Künstlerin Bregtje van der Haak auf dem Weg nach Lagos mit einer Videokamera begleitete. Im Film sagte er offen: „Am Beginn weiß man nicht, wie viel Angst man haben muss.“ Lagos gehört zu den Metropolregionen der Welt, Sao Paulo nimmt mit zwanzig Millionen Einwohnern den sechsten Platz ein. Auf diese Herausforderung kann selbst Kunst nicht wirklich eine Antwort geben.

Biennale von Sao Paulo, bi s 17. 12.

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