Kultur : Aufblühende Landschaften

Die Villa Grisebach bleibt Deutschlands umsatzstärkstes Haus für Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts

Katrin Wittneven

Es war ohne Frage ein gutes Jahr für die Berliner Villa Grisebach. Unter den zehn teuersten Bildern, die in deutschen Auktionen versteigert wurden, nehmen Gemälde aus ihren Auktionen vier Plätze ein, darunter gleich die prestigeträchtigen ersten drei: Adolph Menzels „Schafgraben in Berlin“ aus dem Jahr 1846 kletterte als einziges Bild in einer deutschen Auktion überhaupt über die Millionengrenze und konnte bei einem Endpreis von 1,05 Millionen Euro seinen Schätzpreis nahezu verdoppeln. Für den großen deutschen Realisten war das ein neuer Auktionsrekord – gezahlt wurde er von der New Yorker Kunsthandlung Artemis Fine Arts. Emil Noldes farbprächtiges Blumenbild „Königskerzen und Dahlien“ entstand genau ein Jahrhundert später und belegt mit 850 000 Euro den zweiten Platz der deutschen Rangliste, dicht gefolgt von Max Beckmanns stiller „Landschaft bei Saint-Cyr-sur-Mer“ mit einem Preis von 800 000 Euro.

Top-Preise erzielten auch Lempertz in Köln mit Egon Schieles Papierarbeit „Zwei Frauen“ aus dem Jahr 1911 (670 000 Euro) und Ketterer in München, ebenfalls mit Schiele („Frau mit rotem Muff“, 640 000 Euro), aber die 1986 gegründete Villa Grisebach bleibt – seit nummehr 1988 – das stärkste deutsche Auktionshaus für Kunst des 19. und 20 Jahrhunderts mit einem Jahresumsatz von 20,3 Millionen Euro. Bernd Schultz, geschäftsführender Gesellschafter, äußert sich entsprechend zufrieden zur Jahresbilanz: „Einmal mehr wurden qualitativ herausragende Gemälde, die auch von ihrer Provenienz her deutsche Geschichte repräsentieren, zu Spitzenbildern“. Die Gründe für den deutlichen Aufwärtstrend sieht er unter anderem in der Kapitalentwertung: Die geringen Zinsraten beflügeln den Kunsthandel. Umgekehrt lässt der schwache Dollar so manchen amerikanischen Sammler zurückhaltend agieren, gerade im Segment der Fotografie habe sich das bemerkbar gemacht.

Die Villa Grisebach reagiert auf ihre Weise auf den Dollar-Kurs und plant im nächsten Jahr, ihre New Yorker Dependance zu erweitern. Doch Schultz setzt nicht auf die amerikanischen Großsammler allein. Bei den erfolgreichen Novemberauktionen habe es eine sehr breite Gruppe von Bietern aus dem deutschen Mittelstand gegeben, was ihn „hoffnungsvoll“ auf das kommende Jahr blicken lässt. Der momentan so teuren zeitgenössischen Kunst möchte sich das Berliner Haus weiterhin nur behutsam nähern – und freut sich stattdessen über die positive Neubewertung expressionistischer Grafik.

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