Kultur : Aufbruch aus Arkadien

Triumph des Frivolen: Berlins Altes Museum feiert die französische Rokokomalerei

Nicola Kuhn

Die Ausstellung kommt genau zum richtigen Zeitpunkt. Hier gibt es keinen Regen, keinen Schneematsch, keine grauen Häuser und tristen Straßen, sondern nur Sonnenschein und Heiterkeit, angenehme Ambientes und fröhliche Menschen. Man möchte einsteigen in diese Szenen, sich Zugang verschaffen zu diesen Kulissen. Und doch kann der Zauber allein aus der Distanz seine Wirkung entfalten. Die „Poesie des Augenblicks", so der Ausstellungstitel, existiert eben nur im Moment der Schwebe.

Und tatsächlich ist in die Ausstellungssäle des Berliner Alten Museums, als Kontrast zur nüchternen Klarheit des klassizistischen Baus, mit den über hundert „Meisterwerken der französischen Genremalerei im Zeitalter von Watteau, Chardin und Fragonard“ eine schwärmerisch-schwelgende Stimmung eingezogen. Das Rokoko zeigt sich hier von seiner entzückendsten Seite: Man trifft sich zu Schäferstündchen, Maskenbällen, Pfänderspielen; man speist im Grünen, nippt graziös an heißer Schokolade, liest ein Buch mit geziert abgespreiztem Finger als wäre es eine Tasse Tee. Die Klassenunterschiede, die Konflikte dieser bewegten Epoche bleiben weitgehend ausgespart. Und nur eines könnte den Glanz dieses sensationellen Bilderreigens trüben, der nach Stationen in Washington und Ottawa nur in Berlin zu sehen ist: der richtige Zeitpunkt. Keine drei Wochen später eröffnet die MoMA-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie; die Liebreize des Rokoko müssen dann mit den Knüllern der klassischen Moderne konkurrieren.

Doch diese großartige Schau durfte man nicht an Berlin vorüberziehen lassen, zumal die französische Genremalerei hier einen ihrer größten Verehrer hatte: Friedrich der Große sammelte begeistert gerade diese Werke, so dass ein Großteil der Ausstellung aus den Beständen der Gemäldegalerie stammt. Rätselhaft bleibt dabei, warum sich über sechzig Leihgeber in aller Welt von ihren Bildern zu trennen vermögen, während die beiden Hauptwerke Watteaus, „Die Einschiffung nach Kythera“ und „Das Ladenschild des Kunsthändlers Gersaint“, nicht den Weg vom Charlottenburger Schloss bis zur Museumsinsel fanden. Dafür unterstützen andere Häuser der Stadt umso sinnfälliger das Unternehmen: Der Besucher betritt die Ausstellung durch einen riesigen Setzkasten, in dem Möbel, Porzellane, Kostüme des Rokoko stehen und so auf das Zeitalter der Galanterien einstimmen.

Ihr Herold ist Jean-Antoine Watteau (1684–1721), der Erfinder der „fête galante“, einer neuen Gattung, mit der er 1717 Aufnahme in die Reihen der ehrwürdigen Akademie fand. Das war ein Meisterstück eigener Art – noch ein halbes Jahrhundert später fand dieser Bildtypus beim Chefdenker der Kunst, Denis Diderot, keine Gnade: „Diese Malerei, die man gemeinhin Genre nennt, sollte den Greisen oder jenen vorbehalten sein, die alt geboren wurden; für sie benötigt man nur Übung und Geduld, keinen Witz, nur wenig Genie, kaum Poesie, dagegen viel Technik und Wahrheit. Das ist alles.“

Maskenspiel und Neckereien

Watteau steckt die Koordinaten ab: Schöne Menschen treffen sich zu geselligem Beisammensein, die Kulisse für ihr amouröses Maskenspiel bilden ideale Parklandschaften. Nur selten wird diesen Neckereien Einhalt geboten, etwa wenn sich die gestrenge Mama zwischen das angehende Liebespaar drängt und mahnend den Finger hebt. Meist bleiben die zu Gartenskulpturen versteinerten Götter die einzigen Respektspersonen. Als Impromptu hat inmitten des Ausstellungsparcours eine gemeißelte Götter-Garde Aufstellung gefunden, in ihrer Mitte passenderweise der Genius des Überflusses.

Und doch gehört zur Genremalerei auch die Tugend der Genügsamkeit. Ihr Protagonist ist Jean-Baptiste-Siméon Chardin (1699–1779), dessen Bilder nicht mehr die Schönen und die Reichen in einer erträumten Luxus-Umgebung zeigen, sondern gewöhnliche Menschen, die alltägliche Handlungen verrichten. Das reiche Bürgertum beginnt Königshaus und Adel als Sammlerschicht abzulösen, entsprechend ändern sich die Sujets. Plötzlich tauchen die Themen Familie, Erziehung, häusliche Umgebung auf. Doch was profan klingt, versteht Chardin auf andere Weise zu erhöhen: Das Träumen der Küchenmagd beim Rübenschälen wirkt wie ein stilles Gebet, das Pellen eines Eis für ein Krankenmahl wie eine religiöse Handlung. Der Autodidakt Chardin hat deutlich bei den Niederländern abgeschaut. Die porzellanenen Pastelltöne von Watteau sind einer erdigen Palette gewichen. Selbst der kritische Diderot geriet ins Schwärmen: „Es sind die Dinge selbst in ihrer Wahrhaftigkeit, es sind die Luft und das Licht, die du auf der Spitze deines Pinsels auf die Leinwand bannst... Diese Zauberkunst bleibt uns ein Rätsel.“ Chardins Technik ist bis heute rätselhaft geblieben, eine Herausforderung nunmehr für Restauratoren.

Und doch prägt letztlich ein ganz anderer Typus unsere Vorstellung vom französischen Rokoko: François Boucher (1703–1770) und seine Pastoralen, die von ihm in die Malerei eingeführten frivolen Schäferszenen. Der premier peintre du roi bespielt die gesamte Klaviatur, vom Historiengemälde bis zur Genremalerei. Das große Geld machte er aber europaweit mit Augenschmausereien. Berühmt geworden sind seine üppigen Odalisken, die Mätressen Ludwigs XIV., splitternackt und bäuchlings auf Polstern gelagert, mit einer so samtigen Haut, dass man sie berühren möchte. Noch neckischer verstand es Jean-Honoré Fragonard (1732–1806), seine Modelle zu inszenieren, die sich im Himmelbett halb bekleidet mit Hündchen vergnügen. Der summarische Strich, die Lichteffekte sollten eigentlich dem schnellen voyeuristischen Blick entsprechen und nahmen doch Ideen des Impressionismus vorweg.

Gerade die Genremalerei ermöglicht das Experiment. Fern der akademischen Vorgaben eröffnen sich nun neue Motive: bittere Armut statt erotischer Abenteuer, Abbrucharbeiten an der Pont Notre Dame statt Arkadien. Das anbrechende 19. Jahrhundert, die fortschreitende Aufklärung fordert auch von den schönen Künsten ihren Tribut. Die „Poesie des Augenblicks“ beginnt sich aus den Bildern zu verflüchtigen; die Maler selbst schauen den Tatsachen ins Gesicht. Der letzte Gang beim Festgelage des Rokoko weist in eine andere Zeit. Und auch der Besucher beginnt sich für die Gegenwart zu wappnen.

Altes Museum, Lustgarten, bis 9.5.; Di.–So. 10–18 Uhr, Do. bis 22 Uhr. Katalog 29,90 €.

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