Kultur : Aufbruch im Revier

Andreas Rossmanns Ruhrgebietsreportagen.

Erhard Schütz

Ein Jahr vor dem Mauerfall erklärte ein vom Ostsmog gut durchgeräucherter Westberliner Taxifahrer einer frisch aus dem Ruhrgebiet Zugezogenen doch tatsächlich, sie könne nun ja froh sein, dass ihr bei Regen nicht mehr die Nylons von den Beinen gefressen würden. Spätestens von da an hätte er es besser wissen können. Denn 1988 war auch das Jahr, in dem Andreas Rossmann von Berlin aus loszog, um für die „FAZ“ aus dem Ruhrgebiet zu berichten. Kaum ein anderer Journalist hat seither mit so viel Aufmerksamkeit und Engagement das Ruhrgebiet in seinen Wandlungs-, aber auch Stockungsprozessen begleitet.

Das ist ihm dort nicht immer gedankt worden. Der Ruhrgebietler ist empfindsamer als der Berliner. Rossmann hat das nicht an-, er hat es ausgefochten. Vor allem hat er die Oberen und Marketender, ihre flatterhaften Sprüche wie der von der Metropole Ruhr, immer wieder mit den Realitäten konfrontiert. Die sind vielleicht nicht automatisch besser als die Sprüche, sie versprechen aber mehr. Nach Städten sortiert, kann man dies in einer Auswahl seiner Berichte aus 25 Jahren, leicht nostalgisch mit Fotos von Barbara Klemm illustriert, jetzt nachlesen.

Der Titel „Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr“ ist eine Replik auf Joseph Roths seinerzeitige Pointe übers Revier. Was verbindet sie dann? Man ist geneigt zu sagen: Andreas Rossmann. In immer neuen Anläufen zeigt er, wie nach dem Ende der „flächenfressenden Industrie“ und Schließung der Zechen weite, bis dahin fast arkane Räume neu genutzt, obsolete Strukturen umgewidmet oder mit dem ersetzt werden, was überall dafür so einfällt – wenn nicht Startups, dann Kultur und Wissenschaft.

Rossmann sieht die Diskrepanz zwischen Einheitsbeschwörungen und oft unsinnigen Konkurrenzen, aber eben auch herausragende Ergebnisse: „Düsseldorfs Philharmonie steht in Essen“ etwa. Und er beschreibt, wie nicht mehr der Rauch, sondern der Umgang mit den ihn einst produzierenden Gehäusen Neues entstehen lässt: eine Landschaft der kulturellen Landmarken, die auch die Bewohner bindet, ohne die öde Kumpel-Nostalgie, zunehmend mit Stolz auf das Neue und auf das Gewesene. Das ist nicht alles. Aber so viel, dass man auch in Berlin von Andreas Rossmanns Buch profitieren könnte. Erhard Schütz

Andreas

Rossmann:
Der Rauch verbindet die Städte nicht mehr.

Ruhrgebiet: Orte,

Bauten, Szenen.

Walther König,

Köln 2012.

264 Seiten, 14,80 €.

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