Kultur : Aufbruch in die Fremde

Zwei Bücher fragen, warum und wohin Menschen auswandern

Hannes Schwenger

Migrationshintergrund? Haben wir alle, wenn es stimmt, dass die ersten Menschen aus Afrika kamen, und wenn selbst in geschichtlicher Zeit die Völkerwanderung die Stämme und Völker Europas noch einmal aufmischte. Dennoch ist es sinnvoll, die moderne Migration – durch die unter anderem fast zehn Millionen Deutsche in die USA gelangten, wo jeder sechste Bürger deutsche Wurzeln hat – als ein Thema für sich zu betrachten. Denn, schreibt Rainer Münz in seinem Beitrag zum Sammelband „Aufbruch in die Fremde – Migration gestern und heute“, im Gegensatz zur Spätantike und dem frühen Mittelalter „handelte es sich bei der europäischen Migration nach Übersee nicht mehr um ,Völkerwanderungen‘, sondern in der Regel um die Wanderung von Individuen und Familien“. Wie Deutsche nach Amerika, so sind allein in die Bundesrepublik Deutschland seit ihrer Gründung über sieben Millionen Ausländer nach Deutschland eingewandert; einen „Migrationshintergrund“ haben heute sogar doppelt so viele Deutsche.

Rainer Münz lässt es sich nicht nehmen, am Ende seiner Bilanz der Migration auch einen Blick in die Zukunft zu tun, in der Migration „zum Schicksal für die Menschheit insgesamt“ werde, „insbesondere aber für die Einwohner prekärer Lebensräume und für die Bewohner hoch entwickelter Aufnahmeländer“. Grund genug also, genauer hinzusehen, welche Ursachen und Motive die Migrantenströme bewegen und wie die Welt durch sie verändert wird. Die Geschichte der Neuzeit kennt viele verschiedene Typen der Migration: „Zwangsmigration“ (vom Sklavenraub in Afrika über den Verkauf hessischer Landeskinder nach Amerika bis zur Deportation britischer Sträflinge nach Australien), koloniale Landnahme und postkoloniale Wanderungen, „ethnische Säuberungen“, Exil und Emigration rassisch, politisch und religiös verfolgter Minderheiten, schließlich Arbeitsmigration und die anschwellende Migrationswelle von Umweltflüchtlingen. Zwei Weltkriege, Entkolonialisierung und Kalter Krieg haben das Migrationsgeschehen im vergangenen Jahrhundert geprägt, Hunger- und Umweltkatastrophen könnten die Migrationswellen des 21. Jahrhunderts auslösen. „Wichtigste Ursachen dafür“, meint Münz, „dürften die globale Erderwärmung und der damit verbundene Anstieg des Meeresspiegels sein. Beides zusammen führt zur Ausbreitung von Wüsten, zur Versalzung bisher fruchtbaren Bodens und zur Überschwemmung bestehender küstennaher Siedlungsgebiete.“ Das werde die Wanderungsströme nach Europa und Nordamerika vergrößern, auch wenn es dafür weder Rechtsregeln noch Entscheidungskriterien zu deren Regulierung gibt.

Dabei wären gerade die alternden und schrumpfenden Gesellschaften Europas auf – allerdings qualifizierte – Zuwanderung angewiesen. Münz hält es deshalb für „sehr wahrscheinlich, dass die Länder West- und Mitteleuropas eher früher als später von einer defensiven zu einer pro- aktiven Migrationspolitik übergehen werden“. Wie die aussehen könnte, zeigt ein Blick auf klassische Einwanderungsländer USA, Kanada oder Australien, die sowohl Erfahrungen mit restriktiven wie pro-aktiven Regulierungen von Zuwanderung gemacht haben. Während die USA heute mit starker illegaler Zuwanderung aus Mexiko und Südamerika ringen, rekrutieren Kanada und Australien weitere Einwanderung durch ein Punktesystem mit Präferenz für jüngere, gut ausgebildete Zuwanderer mit Sprachkenntnissen.

Wer das historische Auf und Ab, Hin und Her – denn es gab auch Rückwanderung in erheblichem Ausmaß – der modernen Migration genauer verfolgen will, findet in diesem Sammelwerk Einzeldarstellungen aus allen fünf Kontinenten, auch wenn dabei die beiden Amerikas, Europa und seine einstigen Kolonien im Vordergrund stehen. Ein eigenes Kapitel über Deutschland als Einwanderungsland steuert Claus Leggewie bei, mit Stichworten wie Gastarbeitereinwanderung, Flüchtlingswanderung, Transnationalisierung und Kulturalisierung der Migration. Er fürchtet angesichts langsamer Reformen und ungeklärter Verhältnisse für den gesellschaftlichen Zusammenhalt Deutschlands als einer „Einwanderungsgesellschaft, die zu lange zwischen Ethnonationalismus und Xenophilie hin und her geschwankt ist und über die heute der Zug der Zeit hinwegzufahren droht“.

Dabei könnten deutsche Debatten über Integration oder Parallelgesellschaft noch viel aus den Erfahrungen deutscher Auswanderer vergangener Jahrhunderte lernen. Die meisten zog es seit dem 17. Jahrhundert „nach Amerika“; ein Buch dieses Titels von Bernd Brunner erzählt die Geschichte der deutschen Auswanderung in die USA, die über lange Zeit zur Herausbildung einer durch Sprache, Tradition und Religion geprägten Parallelgesellschaft führte, bevor die beiden Weltkriege das deutsche Element in USA in Misskredit brachten. Bis dahin hatte es immerhin 90 deutschsprachige Tageszeitungen in den USA gegeben; erst nach dem Ersten Weltkrieg verschwand Deutsch als dominierende Zweitsprache aus den amerikanischen Schulen.

Heute können deutschstämmige US-Bürger als gut integriert gelten, während die Reste deutscher Parallelgesellschaft – wie die Gemeinden der Amish und Hutterer – und traditionelle deutsche Manifestationen wie die Steuben-Parade in New York oder das German Fest in Milwaukee eher als Folklore überlebt haben. Ins Reich der Legende verweist Brunner die immer wieder kolportierte angebliche Abstimmung im amerikanischen Kongress über die Landessprache, bei der das Deutsche mit nur einer Stimme unterlegen sei. Es hat sie nie gegeben. Der Plan eines deutschen Staates auf amerikanischem Boden endete Mitte des 19. Jahrhunderts frühzeitig und typisch deutsch mit Vereinsstreitigkeiten und -pleiten.

Diethelm Knauf/Barry Moreno (Hg.): Aufbruch in die Fremde – Migration gestern und heute. Edition Temmen, Bremen 2009. 280 Seiten, 29,90 Euro.

Bernd Brunner: Nach Amerika. Die Geschichte der deutschen Auswanderung. C. H. Beck Verlag, München 2009. 252 Seiten, 12,95 Euro.

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