Kultur : Aufbruch und Abbruch

Das DSO macht Kammermusik im Tacheles

Daniel Wixforth

Genau genommen geht es ums Sprengen. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat den „Aufbruch 1909“ ausgerufen und kreist die ganze Saison um Arnold Schönberg, der in eben jenem Jahr die Fesseln von Dur und Moll unwiederbringlich einriss. So passt es gleich doppelt, dass man sich für die Kammerkonzertreihe des DSO (mehr Infos und Termine: www.dso-berlin.de) das Kunsthaus Tacheles ausgesucht hat. Denn als Friedrichstadtpassage 1909 eröffnet, existiert das Gebäude heute nur noch, weil die Künstlerszene die geplante Sprengung kurz vor der Wende verhindern konnte.

Zur Eröffnung der Reihe stehen zwei Werke von Zeitgenossen Schönbergs auf dem Programm. Nicolaj Roslawez zweites Klaviertrio von 1920 ist ein atonales Auf und Ab der Gefühle, das Pianist Dirk Mommertz und seine Partner Michael Mücke und David Adorjan an Geige und Cello vor vollem Haus nuancenreich interpretieren. Die Musik schwankt zwischen exaltiertem Ausbruch und höchst filigraner, fast spätromantischer Lyrik, die eine schöne Spannung zum kahlen, punkigen Goldenen Saal des Tacheles herstellt. Es ergibt sich eine organische Einheit der Teile – gefolgt von der Erkenntnis, dass auch atonale Musik so untechnokratisch, so leidenschaftlich sein kann.

Gabriel Faurés Klavierquintett Nr. 2 spricht eigentlich eine andere Sprache. Obwohl erst 1921 geschrieben, klingt hier das 19. Jahrhundert hindurch. Verblüffend daher, wie nachvollziehbar das Ensemble (erweitert durch Marija Mücke an der Geige und Raphael Sachs an der Bratsche) den Fortschritt betont. Dissonanzen treten in den Vordergrund, konventionelle Wendungen werden als reflektiertes Spiel mit der Tradition gedeutet. Und plötzlich erscheint auch hier der Aufbruch gegenwärtig. Schönberg kann kommen! Daniel Wixforth

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