Kultur : Aufbruchs- stimmung mit Kater

Armin Petras soll das Gorki Theater leiten

Rüdiger Schaper

Den berühmten rasenden Reporter gab es früher, er nannte sich Kisch. Dafür findet sich heute am Theater der Typus des rasenden Regisseurs. Frankfurt, Hamburg, zwischendurch auch immer mal wieder Berlin: Keiner inszeniert schneller als Armin Petras. Obendrein schreibt er auch noch Stücke, unter dem allseits bekannten Pseudonym Fritz Kater. Mit „zeit zu lieben zeit zu sterben“, uraufgeführt am Hamburger Thalia Theater von Petras persönlich, gewann Fritz Kater 2003 den Mülheimer Dramatikerpreis. Und Petras war damit zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Armin Petras wurde1964 in Meschede geboren. 1969 übersiedelte seine Familie in die DDR. Er studierte an der Berliner Schauspielschule Ernst Busch: Die west-östliche Biografie schlägt sich in den Kater-Stücken nieder.

Nun kommt diese Erfolgsgeschichte zu einem rasenden Stillstand. Armin Petras soll das Maxim Gorki Theater Berlin übernehmen: eine überraschende Wendung. Gorki-Intendant Volker Hesse muss nach Gesprächen mit Kultursenator Thomas Flierl auf die Verlängerung seines Vertrags über 2006 hinaus verzichten. Hesse äußerte sich gestern betroffen und verärgert: „Dinge, die funktionieren, sollten gepflegt werden. Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass es hier nicht weitergehen soll. Wir haben das Gorki Theater innerlich und äußerlich konsolidiert, wir haben Erfolg.“ Flierl, so Hesse, habe die Entscheidung mit „ökonomisch-administrativen Argumenten“ zu begründen versucht. Hesse wertet das als Vorwand. Auch das Ensemble protestiert in einem Offenen Brief an Flierl.

Wieder einmal dürfte es einen radikalen Umschwung geben am kleinsten hauptstädtischen Staatstheater. Nach dem Zweiten Weltkrieg stand das Haus hinter der Neuen Wache Unter den Linden im Zeichen sowjetischer Dramatik. Der langjährige Intendant Albert Hetterle leitete in den Achtzigern einen Dramenfrühling ein. Thomas Langhoffs Inszenierung der „Übergangsgesellschaft“ von Volker Braun (nach Tschechow) gilt als Meilenstein des Berliner Theaters. Und der Wende. In den Neunzigern gelang Intendant Bernd Wilms das Kunststück, den Berliner Boulevard neu zu erfinden: mit Harald Juhnke als „Hauptmann von Köpenick“, mit Katharina Thalbach, mit Ben Becker in „Berlin Alexanderplatz“. Volker Hesse, zuvor am Zürcher Neumarkt, trat 2001 an. Er brauchte lange, um das Haus aus dem Schatten der Großen zu manövrieren. In der jetzt zu Ende gegangenen Spielzeit ist das teilweise gelungen, mit der „Dreigroschenoper“ und dem „Bankenstück“. Eine positive Tendenz kann man Hesse nicht absprechen.

Petras will sich – eine kleine Überraschung – der Tradition des Gorki Theater stellen. Er hat Osteuropa im Blick (aber das wollte Hesse auch). Petras wird Spektakel machen. Seine Inszenierungen lassen sich ästhetisch kaum unter einen Hut bringen: anarchische Schauspielerfeste mit offenem Ausgang, wuselige, spielwütige Experimente. Am Thalia Theater in Hamburg scheint er, wenn man das bei ihm überhaupt sagen kann, momentan die stärksten Heimatgefühle zu haben. Fritzi Haberlandt und Natalie Seelig (in „We are camera/jasonmaterial“, jüngst auch beim Theatertreffen) gehören zur Petras-Familie, und auch ein Berliner wie Milan Peschel von der Volksbühne.

Petras, der Flatterhafte, ist ein Nestbauer. Ein Theatertier. Petras und das Maxim Gorki Theater: Senator Flierl kommt aus der Reserve. Die Lösung ist nicht unsympathisch. Und sie ist riskant.

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