Kultur : Auferstanden aus Ruinen

KAI MÜLLER

Mit jedem Jahreswechsel wachsen die Untergangsängste proportional zur verbleibenden Zeit in diesem Millennium.Denn das Ende der Utopien hat Reste diffuser Erlösungsphantasien zurückgelassen, die sich in finsteren Assoziationsketten austoben.Niemand bedient diese düstere Stimmung derzeit so erfolgreich wie der teutonische Industrialrock von "Rammstein" oder Joachim Witt.Und wenn Witt sich heute abend in der Columbiahalle als brachialer Pop-Fürst in Szene setzt, der unterirdischen Grabkammern entstiegen sein könnte, trifft er vielleicht auf ein besonders wohlwollendes Publikum, dessen Erlösungsbedürfnis mit dem Weihnachtsterror erheblich gestiegen sein dürfte.Im Vorprogramm des "Dark Storm Festivals" treten zudem mit "Oomph!", Liv Kristine und "Atrocity" ein paar Musiker auf, die alle positiven wie negativen Eigenschaften der zwielichtigen Gothic-Metal-Szene vereinen.

Denn was die Anziehungskraft der insgesamt ziemlich geschlossenen und entwicklungsscheuen Gruftrock-Gemeinde ausmacht, ist nicht die politische Provokation, sei es durch NS-Symbole oder zweideutige Germanisierungsrituale.Es ist die Vermischung unterschiedlichster Musikstile und Popgenres, die sich am Kreuzweg von ruppigen Metal- und dunklen Gothic-Klängen mühelos verbinden lassen.So steht die norwegische Sängerin Liv Kristine für den Import von Black-Metal-Elementen, die sie auf ihrem ersten Solo-Album "Deus Ex Machina" mit Hilfe des deutschen Soundtrack-Tüftlers Günther Illi zu eingängigen Pop-Balladen umgebaut hat.Der Titel berührt einen wesentlichen Zug der wiederauferstandenen Szene: das utopischen Versprechen nämlich, daß Mensch und Maschine versöhnt werden können.

Auch Witts Popularität verdankt sich einer solchen Erwartung.Denn er beruft sich mit seiner jüngsten Platte "Bayreuth 1" zwar einerseits auf eine romantische deutsche Geistestradition, die er als schwermütige Gefühlspoesie mißversteht.Andererseits sind seine schwülstigen Texträtsel bloß Verzierung.Die stampfenden, quadratischen Beats, seine schematisierten Körperzuckungen drücken aus, worum es eigentlich geht: die Überbietung der Maschine durch den verhärteten Menschenautomaten.Zwischen dieser Härte und den Schmerz-Metaphern des Gesangs kann nur ein Lebensgefühl vermitteln, das die Unvereinbarkeit von Mensch und Maschine als Genuß empfindet.Oder als Aufwertung der eigenen Person versteht, weil nur der geistige Aristokrat den Riß auszuhalten, ja sogar zu vertiefen vermag, an dem andere zerbrechen.

Punk-Relikte vervollständigen die Rebellen-Pose."Oomph!" ist ein Beispiel dafür.Die drei Wolfsburger wüten auf ihrem letzten Album "Unrein" mit dem Image bösartiger Antichristen gegen - nach ihrer Meinung - verlogene Versöhnungsgesten der Kirche an.Ganz nebenbei, als hätten sie es nicht gewollt, bedienen sie nationalistische Parolen.Aus der polemischen Selbstausgrenzung schöpfen sie die Genugtuung, daß sie dem Unverständnis seitens einer moralisch verweichlichten Gesellschaft wenigstens nicht abgeholfen haben.Was passiert, wenn eine derart beziehungsgestörte Menge zusammenkommt, um sich unterhalten zu lassen, wird sich zeigen.Interessant wird es allemal.

"Dark Storm Festival" mit Joachim Witt, Oomph!, Atrocity und Liv Kristine: Heute in der Columbiahalle, 20 Uhr.

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