Kultur : Auferstehen aus Ruinen

Caroline Fetscher

"Gutes wollen - das Beste tun."

Moses Mendelssohn

Zu den Symbolen des Taliban-Regimes gehören braune Luftschlangenbündel, die als Trophäen von Telegraphenmasten und Straßenschildern flattern: Tonbänder beschlagnahmter, aufgerissener Musikkassetten. Musik, Kino, Tanzen, sogar Drachen steigen lassen - alles, was Geist und Seele beweglich machen kann, ist den Gotteskriegern ein Greuel - und war bis vor drei Tagen verboten.

Jetzt spielt "Radio Afghanistan" wieder Musik. In Kabul und Herat feiert man auf den Straßen, Frauen trauen sich wieder allein aus dem Haus. Und während manche schon die Burka abstreifen, den Totalschleier, der ihnen das Regime der Taliban übergestülpt hat, befreien sich Männer vom Bart-zwang. Die Barbiere von Kabul haben Hochbetrieb.

Es gibt Grund zum Feiern, auch außerhalb des Landes, für alle Kräfte, die am Ende der Terrorpraxis der Taliban mitwirken. Wie lange die Feier dauert, wie sehr weiterer Terror und Anomie verhindert werden, das entscheidet der diplomatische und militärische Einsatz der kommenden Monate. Bomben müssen zuerst ihr Ziel erreichen - später auch ihren Zweck. Ob die teuren Geschosse, die auf Afghanistan niederregnen, das Land zu einer Gesellschaft finden lassen, die diesen Namen verdient, das muss sich erweisen.

Was wird nach dem Ende der Taliban der Anfang?

"Nation-Building" und "Institution-Building" wird die Aufgabe auf der internationalen politischen Bühne genannt. Auf den politischen Ruinen Afghanistans soll eine multiethnische Architektur entstehen. Nicht nur die Bombenkrater sollen sich mit Boden füllen, damit zerfurchtes Land wieder begehbar wird. Die sozialen Krater sollen verschwinden.

Das heutige Afghanistan ist nur nominell ein Staat, und in erster Linie gesetzloses Gelände: Wo das Gesetz fehlt, fühlt sich der Terror zu Hause - und verwüstet das Haus. Hat man ihn rausgeworfen, muss das Haus renoviert und kann neu erfunden werden. Die Verpflichtung zum Mitwirken hat dabei die gesamte Anti-Terror-Allianz. Wer B wie Bomben sagt, muss auch A wie Aufbau sagen. Während jedoch die Fraktionen im Land und außerhalb noch ihre Wünschen und Spekulationen zum künftigen Gefüge hegen, ist erstmal klar: Bald wird die Stunde der Helfer schlagen, die Stunde der regierungsunabhängigen Organisationen, im Global-Englisch "Nongovernmental Organisations", kurz NGOs. Unter den Auspizien der Vereinten Nationen werden NGOs aus aller Welt herbeieilen, denn auf die Invasion der Panzer folgt erfahrungsgemäß die der Lastwagen und Transportflugzeuge von Aid-Organisationen.

Konvois mit Lebensmitteln und Medikamenten werden über die staubigen Wege rattern, Baustoffe verteilen, Heizmaterial, Plastikplanen zum provisorischen Abdecken von Dächern. Auch Friedenstruppen der Vereinten Nationen werden eintreffen. Der amerikanische Außenminister Colin Powell schlägt vor, dass die Truppen aus islamischen Ländern wie der Türkei, Indonesien, Jordanien und Bangladesh rekrutiert werden. Notwendig ist auf alle eine Fälle eine "APROFOR" (Afghanistan Protection Force) der Uno sein, will man das Land nicht dem Chaos überantworten. Folgen wird eine internationale Zivilverwaltung, unter der sich eine "Probedemokratie im Protektorat" entwickeln kann - wie in Bosnien und im Kosovo, wo heute gewählt wird.

Das ist die Chronologie solcher Interventionen: Kämpfende Truppen, Hilfswerke, Schutztruppen, internationale Zivilverwaltung. Aber was bedeutet das für ein Land? Am historisch jüngsten Beispiel, dem Kosovo-Konflikt, konnte man sehen, wie sich innerhalb weniger Wochen das Gesamtbild einer Landschaft änderte. Seit im Juni 1999 die UN-Zivilverwaltung (UNMIK) neben den Unotruppen (KFOR) als temporärer Vormund wirken, erkennt man sofort am Straßenbild, dass man sich in "International Territory" befindet. Wagen, die dort kreuzen, tragen nicht nur die UN-Akronyme wie FAO, UNHCR, WFP, UNICEF und so fort. Zahlreich sind auch Schriftzüge der NGOs: Caritas, Save the Children, Saudi Joint Relief Committee, Missione Arcobaleno, Samaritans Purse, Cap Anamur, Kinderberg, Christian Aid. Und so weiter. Bis zu sechshundert NGOs waren zeitweise im Kosovo registriert. Kaum fünf Prozent seien wirklich effizient, sagen viele Beobachter heute.

Kosovo war, was man im Fachjargon "High-Visibility-Crisis" nennt: die Präsenz der Krise in den Medien zog Spendengelder an. Am Ort selbst sucht jedes Projekt lokale Mitarbeiter: Fahrer, Übersetzer, Handwerker, Sekretärinnen, Putzpersonal. Im Kosovo arbeiten weniger Englischlehrer an Schulen, als bei den "Internationals" als Dolmetscher. Ingenieure werden zu LKW-Fahrern werden, ebenso wie Architekten oder Zahnärzte. "Ortskräfte" verdienen bei den Internationals mit 400 Mark im Monat meist das Zweifache des üblichen Lohns. Solange die Krise läuft, halten die Spenden an, und "das Projekt".

Zwar regeneriert sich das Land, Dächer sind gedeckt, Kinder gehen zur Schule, auf den Märkten gibt es Obst und Gemüse. Aber die von den Helfern implantierte Suprastruktur verzögert Selbständigkeit, blockiert Ausbildung und qualifizierte Arbeit.

Zweifellos ist Afghanistan auch eine "High-Visibility-Crisis", und gerade wegen ambivalenter Gefühle gegenüber den Luftangriffen attraktiv für Spender. In der Militäraktion gegen die Taliban zeigen die Akteure, dass sie aus Kosovo Lehren ziehen. Entscheidend wird dann, dass sie auch die zivile Lektion von dort begreifen.

Sie heißt: So wenig sinnlose oder abhängig machende private NGO-Projekte wie möglich, soviele Investoren wie möglich. Und: klarere Uno-Kontrolle für den Aufbau, der nicht von den USA dominiert werden sollte. Unter der benignen Anarchie der mächtgen Privat-Helfer, die niemand gewählt hat, kann sich neben deren informellem Netzwerk eine neue kriminelle Sublandschaft ihre Nischen suchen. Sie bringt Zeitverlust mit sich. Wieder geht eine halbe oder eine Generation verloren.

Der exzellente Autor Ahmad Rashid (Taliban. Afghanistans Gotteskrieger und der Dschihad, München, 2001), fordert heute einen Marshall-Plan für Afghanistan. Er hat Recht. Afghanistan könnte zum ersten nach-internventionären Modellfall für Kooperation statt Aid werden. Wenn sich die traumatische Landschaft in ein vertrauenswürdiges Land verwandeln soll, braucht sie starke Ökonomie, die allein jeder neuen, akzeptablen Regierung das Überleben garantiert. Wenn du jemandem helfen willst, schenk ihm keinen Fisch, lehre ihn das Fischen. Mao hat diesen Grundgedanken geliefert, der genauso auf einen Marshallplan zutreffen kann.

Nicht eine anarchische Hilfskultur, wie sie den Kosovo überzog, sollte entstehen, sondern es müsste, in der Hilfs-Phase, konsequent die Arbeit der besten Experten im Feld gestärkt werden - die der Uno, deren World Food Programm heute schon etwa 160 Bäckereien allein in Kabul unterhält.

Es bietet sich jetzt eine einmalige Chance, die Vereinten Nationen zu stärken. Deren Bedeutung wächst in den Wochen seit dem 11. September wie noch nie zuvor. Still und leise haben sogar die USA ihre Millionenschulden bei der Uno beglichen. Den Krieg führen die USA an. Den Nachkrieg können sie nicht gewinnen, ohne ihn der internationalen Gemeinschaft in die Hände zu geben - zu der auch Afghanistan selbst bald wieder gehören muss.

Wenn mit der Uno die Wirtschaft kommt, und sie nach der Uno bleibt, gefördert durch besondere Aufbauprogramme in allen Ländern der Anti-Terror-Allanz, dann kann es gut gehen. Kandahars Obstplantagen zum Beispiel, auf denen erstklassige Pfirsiche, Trauben, Granatäpfel und Melonen gezüchtet wurden, sind inzwischen den Mohnfeldern der Heroinindustrie gewichen. Die tausenden von Alternativtouristen kommen längst nich mehr. Die Textilindustrie ist kaputt. Ein langfristiges "Konversionsprogramm" für die militarisierte und verelendete Gesellschaft ist hier wichtiger, als ein Helferkosmos, der vor allem sich selbst erhält.

Die Realität ist, dass Afghanistan seit Jahrzehnten schon von Hilfsprogrammen lebt. Finanzhilfe in Milliardenhöhe kam jahrzehntelang aus der UdSSR wie aus den USA. Das World Food Programme der Uno versorgt drei Millionen Afghanen mit Brot. Krankenhäuser unterhält allein der Rote Halbmond, das islamische "Rote Kreuz".

Im Interesse Afghanistans sollte man also an die Uno und das Rote Kreuz spenden, wenn es ums Helfen geht. Noch mehr aber muss im Blick behalten werden, dass Investoren die Helfer ablösen, dass Außen- und Wirtschaftspolitik Hand in Hand gehen müssen - bei der EU, wie in den USA und anderen, die das Thema Afghanistan ignoriert hatten, bis von dort auf das Zentrum von New York gezielt wurde.

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