Kultur : Aufforderung zum Tanz

Simon Rattle dirigiert Haydn und Schubert –

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Von Christiane Peitz

Am Schluss des Konzerts, im Finale von Schuberts Großer C-Dur-Symphonie, lachen die zwei Cellisten in der dritten Reihe sich an. Geben ihr Äußerstes, spielen um die Wette, miteinander, umeinander herum. Ein Wirbel, ein Rausch. Simon Rattle, der Animateur auf dem Podest, hat sie angesteckt. Schon bei Haydns G-Dur-Symphonie Nr. 88 zu Beginn des Abends hatte er die Philharmoniker förmlich provoziert: Lasst alle Vornehmheit fahren! Vergesst die Perfektion, euren berühmten Sound! Hört aufeinander, redet miteinander und hört Haydn zu: seinem Humor, seinen Bizarrerien und seinen verwegenen Experimenten mit der Mechanik klassischer Floskeln.

Simon Rattle legt die Hand ans Kinn, stutzt, zögert, drängelt, packt zu und fordert einzelne Musiker auf: hier eine Synkope, da ein Vorhalt, dort, diese Kantilene, ist sie nicht schön? Haydns Largo: eine Musik, die über sich selbst zu staunen beginnt. Und Haydns Menuett mit seinen schroffen Betonungen, derben Dudelsack-Quinten und Echo-Effekten: ein temperamentvoller, leidenschaftlicher Tanz auf dem Vulkan. Ein Vorschein der Moderne.

Simon Rattle feiert die Musik als Hymne des Augenblicks, als plastische, sinnliche Angelegenheit. Ein Glück, das man anfassen kann. Das Publikum kann es sehen, jede einzelne Sekunde dieses Konzerts: Der neue Chefdirigent und die Philharmoniker sind in die Werkstatt gegangen, haben andere Schritte probiert, neue Figuren einstudiert und sind Tanzpartner geworden. Eine verschworene, hellwache Gemeinschaft nach der Frischzellenkur – als habe Rattle ihnen die Ohren gewaschen. Auch das Gran Duo für Bläserensemble, jene hellsichtige Komposition des Finnen Magnus Lindberg aus dem Jahr 2000, wird zur Studie über die Kunst der Kommunikation zwischen Holz- und Blechbläsern. Da spielen alle vier Klarinetten an einer Melodie entlang: Gibst du mir deinen Ton, gebe ich dir meinen zurück. Da entfalten sich unerhörte, ungehörige Klänge, wenn Bassklarinette, Kontrafagott und Basstuba in tiefster Lage scheppern und dröhnen. Und da münden die choralartigen Einwürfe der Blechbläser im Finale in kristallklare Tutti-Kaskaden: erst gedehnte und dann mit vereinten Kräften zusammengepresste Zeit.

Schuberts 8. Symphonie zieht die Konsequenz: Sie erscheint als Fortsetzung von Haydns tänzerischem und von Lindbergs dialogischem Prinzip mit den Mitteln der großen Symphonik. Rattles Lust am scharfen Akzent, am filigran ausziselierten Rhythmus oder auch an der winzigen Verzögerung zum Ende einer Phrase, auf dass der Schlusspunkt um so deutlicher gesetzt werde, geht dabei nie auf Kosten des organischen Ganzen. Bodenhaftung, ja bitte, aber nicht um ihrer selbst willen: Bei aller Konzentration auf den Augenblick ist diese Musik mehr als die Summe ihrer Einzelteile. Jedes noch so schnöde Detail, lehrt Rattle uns, enthält das Ganze - auch die Apotheose, auch die Entrückung, auch die schönen Stellen. Die dramatische Generalpause im Andante wird so zum Moment des Zusammenbruchs. Die Symphonie entlässt in ihrer Ratlosigkeit jene Cello-Melodie, die nichts anderes ist als eben dies: eine Musik der Stille.

Ein Achselzucken. Ein Aufstampfen. Eine Umarmung. Ein Augenzwinkern. Rattles Dirigat verleiht dem Musizieren der Berliner Philharmoniker eine bislang unbekannte Körperlichkeit, eine gestische Qualität, die alles Selbstgefällige vermeidet. Eitel ist diese Art des Spielens nicht. Vielmehr lebt sie von der Grundnervosität einer physischen Anspannung. Wer weiß, was uns hinter der nächsten Kurve erwartet? Und wer weiß, ob wir die übernächste Hürde meistern? Töne wie auf Messers Schneide: Schönheit, verrät Schuberts Symphonie in der Lesart von Simon Rattle, ist nur um das Risiko des Scheiterns zu haben.

Es bleibt aufregend in der Philharmoniker-Werkstatt. Wie werden Mozarts Klavierkonzerte klingen (am 19. September), wie erst Ravel und Messiaen (am 24. September), wenn sie von so vielen Diesseits-Partikeln durchsetzt sind? Und was bewirkt Rattles Aufforderung zum Tanz, wenn er sich mit seinen Musikern erst an die großen Architekturen von Brahms oder Bruckner wagt?

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