Kultur : Auffrischender Wind aus östlicher Richtung

Die Polen kommen: die Berliner Galerie griedervonputtkamer präsentiert eine neue und selbstbewusste Generation

Katrin Wittneven

Als wären sie aus dem Nichts gekommen, sind sie im Jahr von Polens EU-Beitritt plötzlich da. Eine Handvoll erfolgreicher Protagonisten hatte in jüngster Vergangenheit bereits ahnen lassen, dass starke Impulse aus dem Osten kommen. Spätestens die Ausstellung „pluzzle“ in der Berliner Galerie griedervonputtkamer aber macht deutlich, dass eine ganze Generation bereitsteht, um von Warschau aus die Kunstszene zu erobern.

Die Vorreiter sind bekannt: Neben dem Biennale- und Documenta erprobten Performancekünstler Pawel Althamer, der im letzten Jahr die Berliner Galerie neugerriemschneider in eine Baustelle umwandelte, oder Monika Sosnowska, die auf der vergangenen Manifesta mit einem Türenlabyrinth überzeugte und einen Förderpreis auf der letzten Art Basel erhielt, sind es vor allem junge Maler. Der 1972 in Tarnów geborene Wilhelm Sasnal etwa, der in ungeheurer Schnelligkeit zum neuen Liebling im internationalen Kunstbetrieb aufgestiegen ist. Noch vor zwei Jahren gehörten die seltsam blassen, aus ungewöhnlichen Perspektiven enstandenen Gemälde zu den Entdeckungen bei der Schweizer Malereiausstellung „Painting on the Move“ während der Art Basel 2002. Im letzten Jahr folgten Sasnal-Solo-Shows in der Kunsthalle Zürich und dem Westfälischem Kunstverein.

Und mit dem Erfolg steigen die Preise: Als die Galerie Johnen + Schöttle die Gemälde des jungen Polen erstmals in einer Einzelausstellung im April 2002 präsentierte, kosteten die kleinformatigen Bilder noch 1200 Euro, größere 3800 Euro. In der aktuellen Ausstellung der Kölner Galerie lag der Preis für das 1,90 Meter im Quadrat große Gemälde „untitled (District)“ bei 20000 Euro, für die kleinen, oft nur 30 mal 40 Zentimeter großen Bilder, musste der Interessent 4500 Euro zahlen. Wenn er sie denn bekam: Die Ausstellung war bereits am Tag vor der Eröffnung ausverkauft.

Doch nicht nur die Werke dieser Künstler verkaufen sich gut: In der Berliner Ausstellung „pluzzle“, die griedervonputtkamer in Kooperation mit den Warschauer Trend-Galerien Foksal und Raster zusammengestellt hat, sind ebenfalls nahezu alle Werke verkauft, obwohl die bekannten Künstler fast ausnahmslos fehlen. Allein die 1959 in Lublin geborene Katarzyna Józefowicz hat sich mit ihren teppichartigen Bodenarbeiten aus Fotos oder Zeitungsauschnitten bereits einen Namen gemacht und war vor drei Jahren an der zweiten Berlin Biennale beteiligt. Auch diesmal präsentiert sie eine Bodenarbeit: Aus über 20000 kleinen Kuben hat sie eine stilisierte Stadtlandschaft errichtet, die stellenweise eingestürzt ist. Und erinnern das grelle Rot und leuchtende Gelb auf den ersten Blick noch an fröhliche Bauklotz-Ästhetik, entpuppt es sich bei genauerer Betrachtung als eine Ansammlung von Billigprospekten. Die Künstlerin hat den Werbeansturm der erblühenden Marktwirtschaft in Polen aus ihrem Briefkasten gesammelt und daraus die Kästchen für ihre fragile Bodenarbeit „Games“ gefertigt (32000 Euro).

Zu den Neuentdeckungen in der Ausstellung zählen die Gemälde von Rafal Bujnowski, die denen von Sasnal sehr ähneln. Mit einem anderen Newcomer, dem Maler Marcin Maciejowski, hat er zusammen in Krakau studiert und Ende der Neunzigerjahre die Gruppe „Ladna“ („hübsch“) gegründet. An Rorschach-Bilder erinnert die strenge Schwarzweißästhetik. Die zunächst willkürlich erscheinenden Striche auf der Leinwand sind aber präzise eingefangene Bänke im Schnee (1800 Euro). Es sind ebenso realistische wie reduzierte Bilder, die voll von medialen Bezügen sind. Ebenso wie die größerformatigen Gemälde von Zbigniew Rogalski. Der Blick aus seinem Atelier ist auf einem Gemälde gerade noch zu erahnen. „Björk“ hat er auf die beschlagene Scheibe geschrieben; die Tristesse der gegenüberliegenden Gebäude ist nur durch den Schriftzug klar zu erkennen (4900 Euro).

Der Reiz dieser Kunst liegt in der Frische und einer unglaublichen Präzision: Kein Strich ist hier zu viel. Berührungsängste mit politischen Themen gibt es bei den selbstbewussten jungen Polen nicht, sie sind ebenso selbstverständlich wie Streifzüge in die Popkultur, auf die Kinoleinwand oder in die Kunstgeschichte. Malereidebatten vergangener Tage werden unprätenziös mitgedacht, manchmal ironisch gebrochen, wenn der knapp 30-jährige Maciejowski in einer Serie Martin Kippenberger oder Gerhard Richter porträtiert, als sie in seinem aktuellen Alter waren. Der schnelle Erfolg birgt aber auch Risiken: Maciejowskis Arbeiten werden inzwischen exklusiv von der Wiener Galerie Meyer Kainer vertreten – ein Grund, warum er bei der Berliner Ausstellung nicht mit dabei ist. Johnen + Schöttle hat dagegen mit Sadie Coles in London und Anton Kern in New York für Sasnal gute Kooperationspartner ins Boot geholt. Ab Herbst wird die Galerie zudem mit einer Dependance ihre Künstler auch in Berlin präsentieren. Geschickte Strategien und gute Netzwerke werden entscheidend sein, um die Position dieser so belebenden jungen Künstler am Markt langfristig zu festigen. Denn der Handel mit zeitgenössischer Kunst hat sich in den letzten Jahren enorm beschleunigt. Und nichts ist so alt wie die Mode von gestern.

griedervonputtkamer, Sophienstr. 25, bis 24. April, Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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