AUFGESCHLAGEN : Blitze des Grauens

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute 23.35 Uhr mit Ann Cotten und Don Winslow).

10) Gisela Graichen und Alexander Hesse: Geheimbünde (Rowohlt, 384 S., 19,95 €)

Das ordentlich gemachte Begleitbuch zu einer ZDF-Sendung über Freimaurer, Rosenkreuzer, Opus Dei & Co. „Geheimes, Verborgenes, Unerklärlichliches: Das sind die Zutaten einer Suppe, die seit Menschengedenken im Untergrund brodelt“, schreiben die Autoren. Genau! Schmerzlich vermisst habe ich deshalb ein Kapitel über den „roten“ und den „schwarzen Freundeskreis“, die seit Jahrzehnten den 77-köpfigen ZDF-Fernsehrat beherrschen und entscheiden, wer was werden darf am Lerchenberg.

9) Meike Winnemuth: Das große Los (Knaus, 336 S., 19,99 €)

Was würden Sie tun, wenn Sie in einer Quizshow eine halbe Million gewönnen? Meike Winnemuth hat so ein Glück erlebt und ist auf Weltreise gegangen. Ihre Erfahrungen fasst sie mit einem schönen Satz aus Thomas Manns „Felix Krull“ zusammen: „Man sollte immer versuchen, alle Sachen, auch die gewöhnlichsten, auch die ganz selbstverständlich da zu sein scheinen, mit neuen, erstaunten Augen, wie zum ersten Mal zu sehen.“ Ein gutes Buch.

8) Malala Yousafzai und Christina Lamb: Ich bin Malala (Deutsch von Elisabeth Liebl und Sabine und Margarete Längsfeld, Droemer, 389 Seiten, 19,99 €)

Weil sie sich dafür engagiert, dass auch Mädchen die Schule besuchen dürfen, schießt ein Taliban der 15-jährigen Malala in Pakistan 2012 eine Kugel in den Kopf. Gemeinsam mit der britischen Korrespondentin Christina Lamb erzählt die mutige Malala ihr Leben unter religiösen Verrückten in einem Land, in denen Musiker Zeitungsanzeigen aufgeben, „in denen sie verkünden, sie hätten aufgehört Musik zu machen und würden von nun an ein frommes Leben führen. Damit wollten sie die Taliban besänftigen.“ Eine Erinnerung daran, dass Freiheit und Fundamentalismus Todfeinde sind.

7) Bronnie Ware: Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen (Deutsch von Wibke Kuhn, Ansata, 352 S. 19,99€)

Binsenweisheiten bleiben Binsenweisheiten, auch wenn sie angeblich aus dem Mund todkranker Menschen stammen: „Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben“, „Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet“, „Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten“: Eine Einsicht bleibt jedoch wahr über alle Zeiten hinweg: Ich wünschte, ich hätte weniger dämliche Bücher lesen müssen.

6) Herfried Münkler: Der große Krieg (Rowohlt Berlin, 925 S., 29,95 €)

Warum sollen wir uns eigentlich für einen Krieg vor hundert Jahren interessieren? Herfried Münklers überzeugende Antwort: Weil „Deutschland nach 1990 wieder zu einer Großmacht in der Mitte Europas aufgestiegen ist und sich viele der Herausforderungen aus der Zeit vor 1914 erneut stellen“. Dieses Buch ist ein Genuss, weil es sich nicht mit der Aufzählung von Fakten begnügt, sondern diese intelligent verknüpft zu einer Darstellung des Ersten Weltkriegs, die gleichzeitig ein Nachdenken über Krieg, Frieden und Politik im 21. Jahrhundert ist.

5) Rolf Dobelli: Die Kunst das klaren Denkens (Hanser, 256 S., 14,90 €)

Manch überraschende Erkenntnis hält diese Fibel der Fallstricke in unserem Denken bereit. Ein Beispiel: „Bis ins Jahr 1900 war es nachweislich besser, als Kranker nicht zum Arzt zu gehen, weil der Art den Zustand nur verschlimmert hätte (mangelnde Hygiene, Aderlass und andere schiefe Praktiken.)“ Das war also in etwa so, wie wenn man heute Geld hat und zur Bank geht.

4) Florian Illies: 1913 (S. Fischer, 320 S., 19,99€)

In diesem Jahr malt Malewitsch das schwarze Quadrat, Picasso und Braque konkurrieren um die Krone des Kubismus, und Adolf Hitler aquarelliert die Theatinerkirche in München: Florian Illies’ lichten Reigen aus der Blütezeit der europäischen Kultur am Vorabend des Ersten Weltkriegs durchzucken gelegentlich Blitze des Grauens, geschlagen durch unser Wissen, was kommt.

3) Christine Westermann: Da geht noch was (Kiepenheuer & Witsch, 192 S. , 17,99 €)

Wir werden im 21. Jahrhundert in Deutschland noch sehr oft über Altersrassismus streiten. Dazu liefert dieses kleine, aber erkenntnisreiche Buch eine gute Vorlage. „Zwei Begriffe“, schreibt Christine Westermann, „bestimmen die Zeit des Älterwerdens: noch. Zweitens: nicht mehr.“ Noch sind wir auf absurde Weise jugendfixiert; wir werden es, die Wette gilt, nicht mehr lange bleiben.

2) Christopher Clark: Die Schlafwandler (Deutsch von Norbert Juraschitz, DVA, 896 S., 39,99 €)

Wie unabwendbar war der Weg ins Verderben des Ersten Weltkriegs? Lange Zeit hatte sich in der Bundesrepublik die These von der Hauptschuld des deutschen Kaiserreichs durchgesetzt: Christopher Clark setzt dieser Ansicht in seiner glanzvollen Darstellung der Julikrise 1914 eine ausdifferenzierte Analyse des internationalen Systems entgegen, gerade wegen ihrer Komplexität das beste Antidot gegen jede Geschichtsmüdigkeit.

1)Guido Maria Kretschmer: Anziehungskraft (Edel Books, 237 S., 17,95 €)

Bemerkenswerter als die biederen modischen Ein- und Ansichten Guido Maria Kretschmers ist seine Sprache. Es ist die schrille Hyperaktivätsprosa eines unter Aufmerksamkeitsmangel leidenden Rampenlichtsüchtigen, der auch nicht vor Beziehungstips auf dem Niveau von Horoskopen des Boulevardjournalismus zurückschreckt: „Verlassen Sie diesen alten, unleidlichen Wallach“, schreibt Kretschmer etwa. „Es ist nie zu spät, einen neuen, charmanten Hengst zu treffen.“ So oder so erzählt Kretschmer seinen Lesern etwas vom Pferd.

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