AUFGESCHLAGEN ... : Bum-Bum

Von Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute Abend, 23.30 Uhr, mit Günter Grass und Gerhard Polt).

10) Stephenie Meyer: Bis(s) zur Mittagsstunde (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 557 Seiten, 19,90 €)

Hin- und hergerissen zwischen ihrer Zuneigung zu einem Vampir und zu einem Werwolf verhält sich die ebenso bildschöne wie entscheidungsschwache Heldin dieses Jugendbuchs wie Buridans Esel zwischen den beiden Heuhaufen und macht 500 Seiten lang gar nichts – außer schmachtende Blicke zu werfen. Deshalb teilt Stephenie Meyers dröger Roman „Biss zur Mittagsstunde“ mit seinem Vampir-Protagonisten vor allem eins: die Blutleere.

9) Joanne Fedler: Weiberabend (Deutsch von Katharina Volk, Knaur Verlag, 384 Seiten, 12,95 €)

Karikaturen von hysterisch gickelnden Frauen, unentwegt vertieft in belanglose Gespräche über Kinder, Kochen oder Schönheitsoperationen, ausweglos verirrt im narzisstischen Spiegellabyrinth ihrer seichten Persönlichkeiten: Bisher kannte ich so was nur aus misogynen Schwulencomics. In Fedlers Roman, bestehend aus dem Gesprächsprotokoll einer Pyjamaparty von acht erwachsenen Frauen, allesamt Mütter, werden diese dümmlichen Klischees allen Ernstes als Rollenvorbilder angeboten. Ein zutiefst deprimierendes Buch.

8) Dora Heldt: Urlaub mit Papa (dtv, 319 Seiten, 12,90 €)

Eigentlich wollte die 45-jährige Christine während der Ferien zwei Wochen einer Freundin auf Norderney helfen, ihre Kneipe und Pension zu renovieren. Dann bekommt sie von ihrer Mutter ihren farbenblinden und betreuungsintensiven Vater Heinz in Obhut. Unterhaltungsliteratur aus einer alternden Gesellschaft, bieder bis zur Bräsigkeit, wenngleich nicht ohne Kukident-Charme.

7) Noah Gordon: Der Katalane (Deutsch von Klaus Berr, Blessing Verlag, 496 Seiten, 19,95 €)

Alles, was man über spanischen Wein schon immer wissen wollte und leider noch sehr viel mehr erzählt Noah Gordon in seinem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts angesiedelten historischen Roman um einen katalanischen Winzer und dessen Verwicklung in ein politisches Attentat. Sagen wir so: Das starke Möpseln der ersten Seiten geht in einen behäbigen, schockierend unterkomplexen Erzählstrom über, ehe ein leicht galliger Nachhall daran erinnert, dass es diesem Gewächs sowohl an Finesse wie an Volumen mangelt. Und dann dieses viele Holz im Abgang!

6) Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels (Deutsch von Gabriela Zehnder, dtv, 364 Seiten, 14,90 €)

Der erste Lichtblick auf dieser trüben Liste ist dieser geistreiche französische Unterhaltungsroman über Madame Michel, die Concierge eines Pariser Hauses an der Rue de Grenelle Nummer 7, ein zum Selbstmord entschlossenes hochbegabtes Mädchen und einen japanischen neuen Mieter. Bisweilen dringt Barberys mit Drive erzählte Geschichte dabei in philosophisch-soziologische Tiefen vor, enthalten in Aphorismen wie: „Wenn es etwas gibt, was die Armen verabscheuen, dann sind es die anderen Armen.“

5) Stephenie Meyer: Seelen (Deutsch von Katharina Diestelmeier, Carlsen Verlag, 862 Seiten, 24,90 €)

Stellen Sie sich vor, Außerirdische hätten den Großteil der Menschheit übernommen, und nun wären auch Sie an der Reihe, Ihren Körper für einen Alien freizugeben. Stephenie Meyers Ausflug in die Science Fiction ist zwar keineswegs originell und obendrein lausig geschrieben, immerhin aber recht lustig, denn natürlich ist das Motiv von der Invasion der Körperfresser genau wie der Vampirroman nur eine Metapher für das eigentliche Thema dieses Romans: Sex.

4) Siegfried Lenz: Schweigeminute (Hoffmann und Campe, 128 Seiten, 15,95 €)

Intensiv und eindringlich erzählt Siegfried Lenz in seiner meisterhaft konstruierten Novelle von der Liebe zwischen dem Schüler Christian und seiner Englischlehrerin Stella, die ihm gleichermaßen Leben und Literatur nahebringt, „Du musst glauben, sie hätten aufeinander gewartet“, erklärt Christians besorgte Mutter einmal, und am Ende gibt man ihr und ihren Sorgen recht. Ein kleines Buch über eine große Liebe: die Krönung eines Lebenswerks.

3) Ken Follett: Die Tore der Welt (Deutsch von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt, Lübbe, 1120 Seiten, 24,95 €)

Routiniert geschrieben ist sie ja, die Fortsetzung von Folletts Kathedralen-Wälzer „Die Säulen der Erde“, die 200 Jahre später, also zur Pestzeit im 14. Jahrhundert, spielt. Auch spannend. Aber Ken Folletts mittelalterliche Figuren reden, handeln und denken so, als trügen sie allesamt heimlich Armbanduhren unter ihren Kutten und Kettenhemden und freuten sich darauf, nach Dienstschluss im Auto nach Hause zu fahren und den Feierabend vor dem Fernseher zu verbringen.

2) Cecilia Ahern: Ich hab dich im Gefühl (Deutsch von Christine Strüh, Krüger Verlag , 414 Seiten, 16,90 €)

Nach einer Bluttransfusion fühlt sich Joyce ihrem Blutspender Justin magisch verbunden, besitzt plötzlich dessen Wissen, Fähigkeiten und Vorlieben. „Mein Herz hämmert“, denkt Joyce. Und auch bei Justin macht es: „Bum-bum, bum-bum.“ Leider brauchen die beiden über 400 enervierende Seiten, um das herauszufinden. „Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das klingt so ... so“, meint Justin ganz zum Schluss. Leider führt Justin diesen Satz mit dem Wort „seltsam“ zu Ende. Passender wäre „bescheuert“.

1) Charlotte Roche: Feuchtgebiete (DuMont, 219 Seiten, 14,90 €)

Es gibt schlimmere Sünden als Nabelschau in der Literatur. Das beweist dieses auf anstrengende Weise gegen den angeblichen Hygienefimmel in Deutschland anrennende Buch über ein junges Mädchen, das sich von den diversen Öffnungen und Ausscheidungen seines Körpers über die Maßen fasziniert zeigt. An einer Stelle überlegt Roches analfixierte Heldin: „Immer alles rauslassen, lautet meine Devise, sonst kriegt man Krebs.“ Meine Diagnose: literarische Inkontinenz.

Fortsetzung auf Seite 24

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