Aufgeschlagen... : Steiff will Loki

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die "Spiegel"-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch - parallel zu seiner ARD-Sendung "Druckfrisch". (Heute Abend, 23.15 Uhr, mit den Gästen Jamie Oliver und Rafik Schami.)

Denis Scheck

10) Rhonda Byrne: The Secret – das Geheimnis (Aus dem Englischen von Karl Friedrich Hörner, Arkana Verlag, 237 Seiten, 16.95 €.)



Dieses abenteuerlich blöde Begleitbuch zu einer australischen Fernsehsendung will als Geheimnis unseres Daseins entdeckt haben, dass alles geschieht, wenn wir es uns nur fest genug wünschen. „Sie sind der Herr Ihres Lebens und das Universum spricht auf jeden Ihrer Befehle an“, schreiben die Autoren. Wo immer man Ihnen so etwas auch versichern sollte – am Frühstückstisch, in der Firma oder im Bett: Es ist eine Lüge.


9) Roger Willemsen: Der Knacks (S. Fischer Verlag, 302 Seiten, 18.90 €.)

Ist Ihnen aufgefallen, dass amerikanische Filme der letzten Jahre alle Szenen von Intimität in Szenen der Gemeinschaft auflösen? Mit anderen Worten, nämlich den Worten Willemsens: „Keine Kuss-Szene, die nicht von Freunden, Kollegen, Umstehenden akklamiert würde.“ Über eine so schlaue Beobachtung kann ich mich eine Woche lang freuen. Dieses gute Buch ist prall voll von solchen Einsichten. Willemsens Thema: „eine prägende Veränderung, die erst im Rückblick als solche erkennbar ist“ – eben „Der Knacks“.


8) Bushido/Lars Amend: Bushido (Riva Verlag, 432 Seiten, 19.90 €.)

Der französische Dichter Paul Valery erklärte einmal, die Biographie sei die Concierge der Literatur. Wenn das stimmt, ist die spätpubertär-provozierende, öde konsumistische und frauenfeindliche Autobiographie „Bushido“ die Klofrau der Literatur.


7) Roberto Saviano: Gomorroha (Deutsch von Friederike Hausmann, Hanser Verlag, 368 Seiten, 21.50 €.)

„Der Markt macht menschlichem Mehrwert keine Konzessionen“, schreibt Roberto Saviano über die Philosophie der Camorra. „Er läßt nichts durchgehen. Man muß gewinnen, Geschäfte machen. Jedes Hindernis, sei es Gefühl, Gesetz, Recht, Liebe, Emotion oder Religion, jedes Hindernis ist ein Punkt für die Konkurrenz, ein Stolperstein, der zur Niederlage führen kann.“ Nicht dass es in Italien solche Verbrechersyndikate wie die Camorra gibt, ist das Entsetzliche in diesem wichtigen Buch. Man erschrickt vielmehr, weil weite Teile unserer Gesellschaft nach exakt denselben Prinzipien wie die Camorra organisiert sind.


6) Eduard Augustin, Philipp von Keisenberg, Christian Zaschke: Ein Mann – ein Buch (SZ Edition, 416 Seiten, 19,90€.)

Wie geht’s im Gefängnis zu? Was muss man als Bierbrauer wissen? Worin besteht der Unterschied zwischen einem Kent-Kragen und einem Tab-Kragen? Auch wenn die Autoren ein Element namens „Potassium“ kennen, das im Deutschen unter dem Namen Kalium denn doch geläufiger ist: Dies ist ein kurzweiliges Buch zum Kreuz- und Querlesen. Im Idealfall blättert man parallel auch im gerade erschienenen und genauso lustigen „Eine Frau, ein Buch“ und sinnt dabei über die nach wie vor absurden Zuschreibungen von Geschlechterrollen nach.


5) Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Gütersloher Verlagshaus, 190 Seiten, 17.95 €.)

Die Erziehungstipps des Arztes und Jugendpsychiaters Winterhoff für den Umgang mit Kindern, die ihre Umwelt terrorisieren, sind vermutlich recht brauchbar. Völlig unbrauchbar wird dieses Buch allerdings durch Winterhoffs Behauptung, diese Verhaltensstörungen nähmen explosionsartig zu, weil Eltern ihre Kinder als Partner statt als Unmündige behandeln. Ich kann mir nicht vorstellen, das Kindheiten vor, während und nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg weniger Verhaltensstörungen produzierten.


4) Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg (Malik Verlag, 320 Seiten, 19.90 €.)

Diese banalen, esoterisch verschwurbelten Schnurren vom Jakobsweg sind einer der größten Bucherfolge der Nachkriegszeit. Die einzig plausible Erklärung dafür: Es muss sich herumgesprochen haben, dass Kerkeling in jedem zweiten Buch einen Hundert-Euro-Schein versteckt hat.


3) Loki Schmidt, Reinhold Beckmann: Erzähl doch mal von früher (Hoffmann und Campe Verlag, 304 Seiten, 19,95 €.)

Ein „leidenschaftliches Verhältnis zum Passivrauchen“ brauche, wer sich von Loki Schmidt ihr Leben erzählen lassen wolle, so Beckmann im Vorwort zu diesem Interviewbuch. Loki Schmidt hat weder passiv geraucht noch passiv gelebt, entstanden ist ein Buch über Leben und Ansichten einer aktiven deutschen Frau.


2) Richard David Precht: Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (Goldmann Verlag, 398 Seiten, 14.95 €.)

Selber denken macht schlau, rät Richard David Precht seinen Lesern. Aber Precht weiß eben auch: Man muss das Rad nicht zweimal erfinden. Eine leichte, jedoch niemals oberflächliche Einführung in Philosophie und Hirnforschung.


1) Helmut Schmidt: Außer Dienst (Siedler Verlag, 352 Seiten, 22, 95 €.)

Wer dieses eigenwillig, aber kurzweilig sämtliche „Weltprobleme“ behandelnde Buch gelesen hat, erkennt: Leistungsethik kann auch sympathisch sein. So sympathisch, dass die Teddybär-Firma Steiff angeblich an Knopf-im-Ohr-Versionen von Helmut und Loki als intellektuellem Traumpaar Deutschlands arbeitet. Noch so ein Buch von Schmidt, und ich fange wieder mit dem Rauchen an.

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