Aufgeschlagen Zugeschlagen : Denis Scheck über die Bestseller: Du magst den Schmerz

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht monatlich die "Spiegel"-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung "Druckfrisch".

Denis Scheck

10) Martin Suter: Allmen und die Libellen (Diogenes Verlag, 194 S., 18,90 €)

Martin Suters neuer Krimiheld ist ein Schweizer Selfmademan ganz eigener Art: Von Allmen heißt er, seine Vornamen Hans und Fritz hat von Allmen zu den pompöseren Johann und Friederich aufgebrezelt, zu Erwerbsarbeit hat er nie getaugt. Und weil Johann Friedrich von Allmen trotz seiner recht jungen Jahre sein beträchtliches väterliches Erbe längst verjubelt hat, lebt er nun von nichts als seinem guten Geschmack und seinem guatemaltekischen Diener Carlos im Gartenhaus seiner früheren Villa in Zürich. „Allmen und die Libellen“ ist der Auftakt zu einer Serienkrimireihe: definitiv retro, mehr Heinz Rühmann als Georges Simenon, aber routiniert und unterhaltsam geschrieben.

9) Tommy Jaud: Hummeldumm (Scherz Verlag, 320 Seiten, 13,95 €)

Der größte Witz dieses angeblich komischen Romans über eine deutsche Urlaubergruppe in Afrika und den erschwerten Erwerb einer Eigentumswohnung in Köln ist, dass „Hummeldumm“ der meistverkaufte deutsche Roman 2010 ist.

8) Philip Roth: Nemesis (Deutsch von Dirk van Gunsteren, Hanser, 224 S., 18,90 €)

Alles auf dieser Bestsellerliste ist eitel Schall und Rauch im Vergleich zum neuen Roman von Philip Roth. Die Handlung setzt ein im Sommer 1944: In Europa und Asien tobt der Zweite Weltkrieg, im amerikanischen Newark eine Polioepidemie. Roths Held ist ein junger Sportlehrer, ein moderner Hiob, der sich in diesem raffiniert erzählten Roman fragt, wie Gott es zulassen kann, dass kleine Kinder sterben, dass unser Leben von sinnlosen Krankheiten, Verlusten und Qualen bestimmt ist, dass Unschuldige leiden und wir schuldlos Leid zufügen. „Nemesis“ ist ein tröstendes Buch in einer trostlosen Welt – Weltliteratur.

7) Jussi Adler-Olsen: Schändung (Deutsch von Hannes Thies, dtv, 460 Seiten, 14,90 €)

Das Musterbeispiel eines Serienkrimis, der sich unversehens in einen von Sozialneid geprägten Serien-Gewaltporno verwandelt. Die an sich schöne Idee eines Sonderdezernats der Kopenhagener Kriminalpolizei, in dem missliebige Polizisten bis zur Rente Akten wälzen, wird durch die Ressentiments des Autors gegen „die Reichen“ und ihre perversen Spiele verdorben. So stellt sich der kleine Jussi die große Welt vor.

6) Ally Condy: Die Auswahl (Deutsch von Stefanie Schäfer, FJB Verlag, 452 S., 16,95€)

Ein Gutes hat die Schwemme idiotischer Vampirromane: In ihrem Gefolge boomt im Jugendbuch nun auch die an alternativen Gesellschaftsmodellen interessierte Science Fiction. Die Auswahl des Lebenspartners, wie wir lieben und wann wir sterben: All das diskutiert dieses Jugendbuch über eine 17-Jährige, die Zweifel an dem von der allmächtigen „Gesellschaft“ für sie ausgewählten Partner hat. Jedem Bewohner der Bundesrepublik, dem gelegentlich Zweifel an dem von der Gesellschaft für ihn ausgewählten Steuersatz überkommen, kann ich dieses Buch zur Lektüre nur empfehlen.

5) Dora Heldt: Kein Wort zu Papa (dtv, 384 Seiten, 12,90 €)

Wenn Norderney auch nur halb so langweilig wäre wie dieser Roman über zwei Schwestern, die vertretungsweise zwei Wochen eine Urlaubspension auf der Insel zu führen versuchen, Norderney gehörte längst den Möwen, Krabben und Wattwürmern.

4) Horst Evers: Für Eile fehlt mir die Zeit (Rowohlt Berlin, 224 S., 14,95 €)

Das Beste, was ich über die gesammelten Texte des Komikers Horst Evers sagen kann, ist, dass sie ein ganz ordentliches Wartezimmerbuch abgeben. Man kann es lesen, wenn man nichts Richtiges zu lesen hat. Das Komischste an diesen Texten war für mich allerdings, wie es der Autor durch Melken, Dehnen, Strecken oder Verwässern immer wieder schafft, mit recht dünnen Einfällen und Pointen irgendwie über die Runden zu kommen.

3) Suzanne Collins: Die Tribute von Panem: Flammender Zorn (Deutsch von Sylke Hachmeister und Peter Klöss, Oettinger Verlag, 430 S., 18,95 €)

Noch ein spannender Science-Fiction-Roman, der nach der Apokalypse unserer westlichen Warenwelt spielt: Suzanne Collins erzählt in ihrer furiosen Trilogie von einer Zukunft, die statt vom Kapital vom „Capitol“ beherrscht wird. Diese Regierungsclique veranstaltet ein modernes Gladiatorenspiel, eine Art Grand Prix mit verschärften Bedingungen: 24 Jugendliche treten bei den Hungerspielen gegeneinander an, gekämpft wird bis zum Tod. Im dritten Band befreit sich Collins von den müden Konventionen des Jugendbuchs und mutet ihren Lesern ein wirklich überraschendes Ende zu.

2) Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil (Hanser Verlag, 192 S. 17,90 €)

Arno Geiger hat ein sehr schönes, ganz und gar unsentimentales Buch über die Demenzerkrankung seines Vaters geschrieben. Auf der Belletristikliste hat dieses Werk dennoch nichts verloren. Es ist ein Sachbuch, ein erzählerisches Glanzstück, gewiss, aber eben Nonfiction. Auch ein Telefonbuch aus der Feder eines Dichters bleibt ein Telefonbuch. Diese falsche Einsortierung ändert freilich nichts am Rang dieses Werks: „Der alte König in seinem Exil“ ist ein grandios gelungenes Buch.

1) P. C. und Kristin Cast: Gejagt (Deutsch von Christine Blum, FJB, 575 S. 16,95)

Ein Roman wie vom deutschen Verteidigungsminister. Zusammengeklaut aus Versatzstücken von Rowlings Harry-PotterInternat und Stephenie Meyers romantischen Vampir-Büchern, erzählt das Mutter-Tochter-Autorenduo Cast vom Leben in einem Vampir-Internat namens House of Night. Kalona, ein gefallener Engel, bringt in der bereits fünften House-ofNight-Schmonzette die sadomasochistische Saite der Heldin Zoey zum Klingen. In ihren Träumen flüstert Kalona Zoey ein: „Du magst den Schmerz. Du empfindest Lust dabei.“ Ich habe mir das als Trostformel auf den 575 Seiten dieses Buches öfters aufgesagt. Sagen wir so: Die Lust ließ rasch nach, der Schmerz hält noch an.

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