Aufgeschlagen, zugeschlagen : Der Schwabe in uns

Denis Scheck kommentiert die Bestsellerliste. Diesmal: Sachbücher.

Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Sonntag, 23.35 Uhr mit Herta Müller und Javier Marias). Diesmal Sachbuch: 


10) Helmut Schmidt und Giovanni di Lorenzo: Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt  (Kiepenheuer & Witsch, 291 S., 16,95 €).

Leben und Ansichten von Altkanzler Helmut Schmidt dokumentiert dieser Gesprächsband auf hohem Niveau, kurzweilig und geistreich. Es ist keineswegs nur das süße Gift der Nostalgie, das Schmidt mit bisweilen auch schnurrigen Meinungen überzeugen lässt. Sympathisch und glaubwürdig wird er durch die kantige Souveränität, mit der er bei seinen Tabakkolloquien auch eigene Fehler einräumt, etwa den westdeutschen Olympiaboykott 1980 in Moskau.

9) Frank Schirrmacher: Payback (Blessing, 240 Seiten, 17,95 €)

Unsere Naivität im Umgang mit globalen Datennetzen, die drohende Verwandlung der Welt in eine einzige Shopping Mall und die Notwendigkeit der schönen Illusion der menschlichen Willensfreiheit sind die Themen dieses Plädoyers für eine geistige Trimm-Dich-Bewegung. Schirrmacher unterlaufen zwar einige Flüchtigkeitsfehler – weder konnte 1958 „Ben Hur“ im Fernsehen laufen noch gibt es „Liebigs Fleischersatz“ – aber solche Quisquilien steckt sein starker Text locker weg.

8) Lutz Schumacher: Wenn möglich, bitte wenden (Goldmann, 192 S., 16,95 €)

Nach seinem bräsigen Bestseller „Senk ju vor träwelling“ über die Deutsche Bahn erzählt Lutz Schumacher nun von Freud und vor allem Leid des modernen deutschen Autofahrers. Lassen Sie es mich freundlich ausdrücken: das Thema ist größer als der Autor, das Ergebnis in diesem Fall so aufregend wie eine Gebrauchsanweisung für Eierschneider.

7) Hans-Olaf Henkel: Die Abwracker (Heyne, 256 Seiten, 19,95 €)

„Kaufe und verkaufe nie etwas, das du nicht verstehst“, gibt Ex-BDI-Chef Hans Olaf Henkel seinen Lesern als goldene Regel der Finanzwirtschaft mit auf den Weg. Damit hat Henkel auch den Unterschied zwischen Wahrheit und Wirklichkeit ausgesprochen, nämlich das, was die Lektüre seines Buchs so quälend macht. Man versteht es schnell, sehr schnell, spätestens nach 20 Seiten, und dann ist es in Wahrheit zu Ende. In Wirklichkeit geht es aber noch über 200 Seiten weiter.

6) Siri Hustvedt: Die zitternde Frau (Deutsch von Uli Aumüller, Rowohlt, 224 Seiten, 19,95 €)

Inmitten des oberflächlichen Drecks auf dieser Bestsellerliste ist dieses Buch eine einzige Labsal: die kluge amerikanische Autorin Siri Hustvedt macht sich darin selbst zum Thema, schreibt über „die mysteriöse körperliche Verwandlung“, die nach Tod ihres Vaters in ihr stattfindet, ihr plötzliches Zittern bei öffentlichen Auftritten, und spürt, von sich und ihrer revoltierenden Physis ausgehend, uralten Fragen nach: den Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist.

5) Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele (Goldmann Verlag, 398 Seiten, 14,95 €)

Was diese leicht lesbare und doch sehr inhaltsreiche Einführung in Philosophie und Neurobiologie besonders macht, ist die Lebensklugheit des Verfassers. Diese erweist sich etwa in seiner Darstellung des Problems der Sterbehilfe. Precht argumentiert, dass mitunter eine Grauzone der Sozialethik lebbarer ist als eine widerspruchsfreie philosophische Position.

4) Jay Dobyns und Nils Johnson-Shelton: Falscher Engel (Deutsch von Martin Rometsch, Riva Verlag, 384 S., 19,90 €)

Die Memoiren eines US-Polizisten, der knapp zwei Jahre als verdeckter Ermittler unter Hells Angels in Arizona lebte. Sein Buch dokumentiert unfreiwillig gleich zwei hirnrissige Ideologien: den todessüchtigen Macho-Kult der Biker und das leerlaufende Law-and-Order-Denken der amerikanischen Evangelikalen.

3) Margot Käßmann: In der Mitte des Lebens (Herder, 160 Seiten, 16,95 €)

Aus aktuellem Anlass verdient diese Autorin Schonung, ihr Buch allerdings nicht. Es wimmelt von blumigen, kaum falsifizierbaren Sätzen wie: „Wichtig ist, nicht zu vertrocknen, sondern offen zu sein für das Neue und keimen und aufblühen zu lassen, was blühen will und kann.“ Wichtig ist aber auch, nicht zu verschwiemeln, denn was da keimt und blüht, kann auch der Schimmel auf einer längst abgelaufenen Eiapopeia-Sauce sein, die alles Leben unter ihrem Ratgeberseim ertränkt.

2) Manfred Lütz: Irre! (Gütersloher Verlagshaus, 208 S., 17,95 €)

Was frei entschieden wird, lehrt der Psychiater und Theologe Manfred Lütz, mag gut oder böse sein, eines aber ist es mit Sicherheit nicht: krank. „Psychische Krankheiten“, so Lutz, „sind immer Einschränkungen der Freiheit eines Menschen, gut oder böse zu handeln.“ Sein lesenswertes Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Entstigmatisierung der Psychiatrie.

1) Eckhart von Hirschhausen: Glück kommt selten allein (Rowohlt Verlag, 383 Seiten, 18,90 €)

„Der Schwabe in uns sagt: Kauf dir etwas Materielles, davon hast du am längsten was“, schreibt der medienaffine Medizinmann von Hirschhausen in seiner Glücksfibel, in der außer von Glück und von Geld so viel von inneren Pinguinen und inneren Schweinehunden die Rede ist, dass man sich fast in Brehms Tierleben wähnt. Der Schwabe dieser Kolumne sagt deshalb: Kaufen Sie sich ein anderes Buch.

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