AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Ein genialer Abwehrspieler

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute Abend, 23 Uhr 30, Gäste Kristof Magnusson und Mario Vargas Llosa).

10) Richard David Precht:

Wer bin ich und wenn ja wie viele

(Goldmann Verlag, 398 Seiten, 14,95 €)

Wie konnte aus diesem anspruchsvollen Überblick über zentrale Probleme von Philosophie und Hirnforschung einer der größten deutschen Sachbuch-Bestseller der letzten Jahrzehnte werden? Zum einen liegt es an Richard David Prechts Fähigkeit, die moralischen Kernfragen unserer Zeit bündig zu formulieren. Zum anderen aber auch an dem durch die allgegenwärtige schamlose Oberflächlichkeit und Seichtheit ausgelösten Brüllhunger der deutschen Öffentlichkeit nach Substanz.

9) Joachim Fuchsberger:

Altwerden ist nichts für Feiglinge

(Gütersloher Verlagshaus, 224 S., 19,99 €)

Zwar fällt es schwer, einer grundsympathischen Entertainerlegende wie Fuchsberger etwas übel zu nehmen. Aber dies ist kein klar konzipiertes, durchgearbeitetes Buch, sondern ein ölig und anekdotenseelig angemachter Seniorenteller altbackenster Binsenweisheiten.

8) Kevin Dutton: Gehirnflüsterer

(angeblich deutsch von Klaus Binder

und Bernd Leineweber, dtv, 352 S., 14.90 €)

Dies ist der seltene Fall eines guten und interessanten Sachbuchs darüber, was bei einer gelingenden Überredung in unserem Gehirn genau abläuft. Aber leider ist dieses Buch durch eine misslungene Übersetzung seltsam verschwommen, thematisch unscharf, ja unverständlich geworden. Und das liest sich dann so: „Gab es tief im Urgestein der Überzeugungskunst verborgen, ein Elixier der Beeinflussung? Eine geheime Kunst, Menschen in eine Art ‚Flipnosis’ zu versetzen, sie quasi zu hypnotisieren und ausflippen zu lassen, sie um ihren Verstand zu bringen.“ Alles klar? Sobald dieses Buch auf Deutsch vorliegt, lasse ich mich gern überreden, es noch mal zu lesen.

7) Margot Käßmann: Sehnsucht

nach Leben (Adeo, 176 S., 17,99 €)

Zwölf Aufsätzlein der Ex- EKD-Vorsitzenden zu Themen wie Mut, Trost, Liebe und Geborgenheit versammelt dieses leider illustrierte Büchlein. „Ich denke, jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden, wo die eigenen Kraftquellen liegen“, schreibt Margot Kässmann. Aus dem Mund einer FDP-Vorsitzenden klänge das akzeptabel. Für eine protestantische Theologin aber ist das bis zur Selbstaufgabe lasch und opportunistisch: ein Offenbarungseid.

6) Thorsten Havener: Denk doch,

was du willst (Wunderlich, 256 S., 17.95 €)

Wie Kevin Dutton schreibt auch Thorsten Havener über Methoden, andere Menschen tun zu lassen, was man will, und wie man sich gegen solche Manipulationsversuche durch Aufklärung schützt. Dabei ist Havener ganz klar im Vorteil, denn der studierte Dolmetscher schreibt auf Deutsch – und das auch noch ziemlich witzig. Auch wenn nicht zu übersehen ist, dass dies schon das dritte und deshalb etwas aufgeblähte Buch zum Thema aus der Feder Haveners ist, habe ich daraus eine Menge gelernt.

5) Martin Wehrle: Ich arbeite

in einem Irrenhaus (Econ, 284 S., 14,99 €)

Das beste an diesem Buch ist sein Titel, allerdings sind Wehrles ausgedacht wirkende Fallgeschichten himmelweit entfernt von der schlagenden Eindringlichkeit der großen Romane zum selben Thema – zum Beispiel Joseph Hellers Meisterwerk „Was geschah mit Slocum?“

4) Dieter Nuhr: Der ultimative Ratgeber

für alles (Lübbe, 304 S., 12.99 €)

So chaotisch dieses Buch auch konzipiert ist, Nuhrs Werk unterscheidet sich vom allgegenwärtigen Comedy-Trash durch seine unerwartete Formulierungskunst. Etwa wenn er deutsche Spielplatzmütter als „ordnungspolitische Mächte“ bezeichnet. So ein Einfall reicht, um einen ganzen Tag gute Laune zu haben.

3) Heribert Schwan: Die Frau

an seiner Seite (Heyne, 320 S., 19,99 €)

Heribert Schwan zeichnet das berührende Psychogramm einer als Zwölfjährige von russischen Soldaten Vergewaltigten, die durch ihren Ehemann Helmut Kohl Halt im Leben sucht und findet, bis sie diesen Halt Ende der neunziger Jahre wegen der Spendenaffäre verliert. Bemerkenswert faktenreich und stringent erzählt, schießt Heribert Schwan nur gegen Ende etwas übers Ziel hinaus, wenn er aus dem Gegenstand seiner Biografie eine heilige Hannelore zu machen versucht.

2) Gaby Köster und Till Hoheneder:

Ein Schnupfen hätte auch gereicht

(Scherz, 264 Seiten, 18,95 €)

Gaby Köster hat vor drei Jahren einen Schlaganfall erlitten. Dafür gebührt ihr Mitleid. Nicht aber für dieses unsägliche, in der Stillage vulgären Dauergekreisches geschriebene Buch, dessen Komik allein aus den zahllose Katachresen herrührt, also einem Metaphern-Mischmasch. Wenn Gaby Köster etwa schreibt: „Er hat so manches Mal die Grenze des seelisch Ertragbaren mit mir ausgelotet, überschritten und hat mit Tränen bar bezahlt. So wie ich.“ Und ich.

1) Philipp Lahm und Christian Seiler:

Der feine Unterschied" (Antje Kunstmann Verlag, 269 Seiten, 19,90 €)

Bücher von und über Fußballspieler zählen nicht zu meinen Lieblingslektüren. Diese von der Boulevardpresse absurd skandalisierte, in Wahrheit routiniert sachlich geschriebene und harmlose Fußballerautobiographie hat aber einen geheimen Höhepunkt: die Schilderung einer schwulen Liebeserklärung, und wie Philip Lahm Spekulationen über eine homosexuelle Beziehung in Köln begegnet. Allein diese Passage macht das Buch zur würdigen Abitursaufgabe eines Deutsch-Leistungskurses, und Philip Lahm erweist sich einmal mehr als genialer Abwehrspieler.

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