AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Glück im Magen

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute 23.35 Uhr mit Marcelo Backes, Daniel Galera und Oswald Wiener).



10) Dieter Nuhr: Das Geheimnis des perfekten Tages (Bastei Lübbe, 312 S., 14,99 €)

Die sprunghaften Assoziationsketten des Comedian Dieter Nuhr sind zwar mitunter amüsant, erinnern in Buchform aber an einen schweren Fall von ADS. Eine Kostprobe: „Für einen Weisen ist es ein perfekter Tag, wenn es mittags keine Leber gibt. Ich esse gerne Leber. Aber an einem perfekten Tag gibt es Kaiserschmarren.“ Dieses Buch ist eher Kraut und Rüben.

9) Jürgen Todenhöfer: Du sollst nicht töten (Bertelsmann, 448 S., 19,99 €)

Ich bin kein Freund der in der politischen Analyse meist schwachen, in der Schilderung von Begegnungen mit Einheimischen mir zu gefühligen Reportagebücher des ehemaligen CDU-Abgeordneten und Burda-Managers Jürgen Todenhöfer. Sein scharfes Plädoyer gegen die Lüge als Vater aller Kriege hat mich aber überzeugt: Todenhöfer musste als Kind im Zweiten Weltkrieg die britischen Phosphorbombenabwürfe auf Hanau miterleben und überprüft nun in Reisen etwa nach Afghanistan, Libyen, Syrien, Iran, Irak und Gaza, was Krieg für die Menschen dort bedeutet. Den Nato-Staaten liest er dabei kräftig die Leviten: Ihre Kriege seien ein einziges „Terrorzuchtprogramm“ und träfen die Falschen. Der mutigste Satz in diesem Buch lautet: „Das Zentrum des internationalen Terrorismus befindet sich seit langem in Saudi- Arabien.“

8) Ruth Maria Kubitschek: Anmutig älter werden (Nymphenburger, 160 S., 19,99 €)

Die Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek ist fabelhaft, die Esoterikautorin Kubitschek mit Verlaub schlicht durchgeknallt. „Ich bedanke mich jeden Abend bei meinem Körper“, schreibt Frau Kubitschek. „Mit meinem Atem lenke ich das kosmische Licht in meine linke Gehirnhälfte, verweile eine Zeit und lenke es dann in meine rechte Gehirnhälfte… Ich bedanke mich bei meiner Nase und meinen Gehörgängen… Ich bedanke mich bei meinem Magen… Ich bedanke mich bei meiner Galle… Ich bedanke mich auch bei meiner Leber und bei meiner Niere… Die Milz darf man nicht vergessen… Ich bedanke mich bei meinen Verdauungsorganen… Am Schluss bedanke ich mich noch bei meiner Urzelle, diesem Urlicht … Diese Art von Gedanken wiegen mich in den Schlaf.“ Mich auch, Frau Kubitschek, mich auch.



7) Eben Alexander:
Blick in die Ewigkeit (Deutsch von Juliane Molitor, Ansata, 256 S., 19,99 €)

Ein amerikanischer Arzt berichtet überaus weitschweifig von seiner Nahtoderfahrung. Die volle Bedeutung des Wortes „sterbenslangweilig“ können nur Leser dieses Machwerks ganz erfassen.

6) Meike Winnemuth: Das große Los (Knaus, 336 S., 19,99 €)

Eine Journalistin gewinnt in einer Quizshow eine halbe Million Euro und bereist die Welt. „Woran glaube ich?“, fragt sich Winnemuth in Israel. „An Begegnungen. Daran sich selbst ein Bild zu machen, und nicht an das zu glauben, was man zu glauben meint oder glauben soll. Hinfahren, hingucken, hinhören.“ Ein intelligentes Buch von ansteckender Lebensfreude.

5) Rolf Dobelli: Die Kunst das klaren Denkens (Hanser, 256 S., 14,90 €)

Verlustaversion, Omission-Bias und warum es bis zum Jahr 1900 besser war, als Kranker lieber nicht zum Arzt zu gehen: Rolf Dobellis Hinweise auf die häufigsten Fallgruben unseres vermeintlich rationalen Denkens überzeugen. Gegen den Autor sind Plagiatsvorwürfe erhoben worden. Zum Teil hat Dobelli tatsächlich schlampig mit Zitaten gearbeitet. Am Unterhaltungswert seines leichten Sachbuchs ändert das nichts.

4) Bronnie Ware: Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen (Deutsch von Wibke Kuhn, Ansata, 352 S., 19,99€)

Die Reue über mit albernen Sachbüchern vergeudete Lebens- und Lesezeit versäumt die frühere australische Krankenschwester Bronnie Ware in ihrer buchlangen Aufzählung dessen, was man auf dem Totenbett unbedingt anders gemacht haben möchte. Ich kann mir nicht vorstellen, den Verriss dieses Doofelbuchs jemals zu bereuen.

3) Florian Illies: 1913 (S. Fischer, 320 S., 19,99 €)

1913: Kasimir Malewitsch malt das schwarze Quadrat, Marcel Duchamp schraubt einen Fahrradreifen auf einen Küchenhocker und nennt dies ein Readymade, in Essen eröffnet der erste Aldi-Markt, Franz Kafka arbeitet zur Entspannung beim Gemüsebauern und schreibt Briefe an Felice, Siegmund Freud streitet derweil mit C.G. Jung. Von all dem erzählt Florian Illies und legt so nahe, dass 1913 viel mehr war als der Endpunkt des langen 19. Jahrhunderts. Vielleicht, so Illies in seiner lesenswerten Revue eines Jahres, müssen wir das Jahr 1913 viel eher denken als eine Art Ideen-Rüstkammer der Moderne.

2) Christopher Clark: Die Schlafwandler (Deutsch von Norbert Juraschitz, DVA, 896 S., 39,99 €)

Ein Paukenschlag: Der Brite Clark widerspricht vehement der These des deutschen Historikers Fritz Fischer aus den 60er Jahren von der Hauptschuld des Deutschen Reichs am Kriegsausbruch und will die Julikrise von 1914 als „das komplexeste Ereignis der heutigen Zeit, womöglich bislang aller Zeiten“ zeigen. Dieser erste Vorschein auf das Hundert-Jahr-Gedenken zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs ist ein Glücksfall der Geschichtsschreibung.

1) Rüdiger Safranski: Goethe – Kunstwerk des Lebens (Hanser, 752 S., 27,90 €)

Rüdiger Safranski lässt uns an einem einzigartig geglückten Leben teilhaben, dem Leben Johann Wolfgang Goethes. Nicht auf Augenhöhe, das wäre vermessen, aber eben auch nicht aus der Froschperspektive. Der ebenso wortmächtige wie gedankenreiche Rüdiger Safranksi ist deshalb der Goldstandard der deutschen Biografik, weil er Goethe fremd lässt, wo er uns fremd ist, und ihn uns nahebringt, wo er uns nahe ist. Die Lektüre dieses Buch über das Abenteuer „zu werden, der man ist“, macht mehr zum Deutschen als ein deutscher Pass.

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