AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Matronen in der Sackgasse

Einmal monatlich bespricht Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute Sonntag, 23.30 Uhr, mit Reinhard Jirgl und Kinky Friedman). Diesen Monat: die bestverkauften Sachbücher.

10) Helmut Schmidt: Ein letzter Besuch (Siedler, 192 S., 19,99 €)

Schönheit, aber auch Schrecken furztrockener Realpolitik lassen sich aus diesem Buch erfahren, das hauptsächlich aus einem langen Gespräch des Altbundeskanzlers mit dem Expremier von Singapur besteht. Warum herrscht in China heute eher Konfuzianismus als Kommunismus? Weshalb sollte sich die EU zu den Vereinigten Staaten von Europa mit Englisch als erster Landessprache zusammenschließen? Wer war der bedeutendste Politiker des 20. Jahrhunderts? Schmidt und Lee einigen sich auf Deng Xiaoping, den sie für Sätze lieben wie: „Es ist egal, ob die Katze weiß oder schwarz ist – Hauptsache, sie fängt Mäuse.“ Schwere Kost für Verfechter der Universalität der Menschenrechte, aber ein lesenswertes Buch, das einen vom Eurozentrismus kuriert.

9) Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen (Arkana, 352 S., 19,99 €)

Sich mehr Freude gönnen, weniger arbeiten, mehr Mut zeigen, zu seinen Gefühlen stehen: Wer auch nur eine Sekunde die Augen schließt und nachdenkt, dem werden zu diesem Titel sicher bessere Binsenweisheiten einfallen als dieser Autorin, einer australischen Krankenschwester. Ich werde auf meinem Totenbett am meisten bereuen, dass ich solche unsäglich dümmlichen Sachbuchschwarten lesen musste.

8) Dirk Müller: Showdown (Droemer, 272 S., 19,99 €)

Dirk Müller ist ein talentierter Popularisierer ökonomischer Zusammenhänge. In diesem Buch versucht er sich anders als sonst nicht an Tipps für Anlagestrategien, sondern an einer globalen Bestandsaufnahme. Dabei gerät einiges durcheinander: geostrategische Interessen der USA am Deutschenhass in der EU, die Lateinische Münzunion von 1865, Spekulationen mit „den wohl größten Öl- und Gasvorräten Europas“ in Griechenland, die Energiewende sowie Infrastrukturfonds in Europa. Dies alles mündet in selbstgefällige Sätze wie: „Ich hatte in den vergangenen Monaten die Gelegenheit, mit zahlreichen hochrangigen Vertretern der Energiekonzerne, der Versicherungswirtschaft, der Politik, der Industrie und der Bundesfinanzagentur zu sprechen. Überall stieß ich mit meinem Konzept auf Begeisterung.“ Nein, nicht überall.

7) Alexander Eben: Blick in die Ewigkeit (Ansata, 256 S., 19,99 €)

Der letzte Satz dieses Buches über die Nahtoderfahrung eines amerikanischen Arztes lautet: „Ich empfinde eine grenzenlose Dankbarkeit, ganz besonders gegenüber Gott.“ Dieselbe Dankbarkeit empfinde ich, dieses in Klischees und Denkschablonen vermulchte amerikanische Erweckungsbüchlein tatsächlich zu Ende gelesen zu haben. Der ärgerliche Fall des Missbrauchs eines akademischen Titels, um eine persönliche religiöse Erfahrung als allgemeinverbindlich zu erklären.

6) Rolf Dobelli: Die Kunst des klaren

Denkens (Hanser, 256 S., 14,90 €)

Der vielleicht beste Satz in diesem guten Buch über Sackgassen unserer Ratio lautet: „Klar zu denken ist aufwendig. Darum: Wenn der mögliche Schaden klein ist – zerbrechen Sie sich nicht den Kopf und lassen Sie die Fehler zu.“

5) Florian Illies: 1913 (S. Fischer, 320 S., 19,99 €)

Heinrich Mann schreibt den „Untertan“ und zeichnet dralle Matronen, Egon Schieles Mutter fühlt sich schlecht behandelt, Anatole France schreibt: „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang.“ Florian Illies’ amüsantes Buch ist wie ein guter Historienfilm: Die Sehnsucht nach der Grandeur der Epoche wird in Schach gehalten durch das Gruseln vor dem Mief der Zeit.

4) Margot Käßmann: Mehr als Ja und Amen (Adeo, 269 S., 17,90 €)

Gibt es Jämmerlicheres, als wenn Erwachsene beim Besuch im Kindergarten so tun, als wären sie selbst Kindergartenkinder oder Grundschüler? Dieses literarische Leben auf Kredit, diese geborgte Naivität, dieses Sichblödstellen mit großen Stauneaugen ist der Basso continuo von Margot Käßmanns publizistischem Œuvre. „Für dieses Buch habe ich über viele Monate Zeitungsauschnitte gesammelt und war am Ende fast erschlagen von der Vielfalt der Probleme, der Stimmen, der Ansätze“, schreibt sie. Ein unnötiges Buch, von der Konzeption her Kraut und Rüben, in der Ausführung lieblos hingerotzt, ein Buch, dessen Leser sich wie zu Unrecht ans Kreuz geschlagen fühlen müssen.

3) Meike Winnemuth: Das große Los (Knaus, 336 S., 19,99 €)

Eine Frau gewinnt in einer Quizshow ein kleines Vermögen und bricht zu einer einjährigen Weltreise auf. „Nicht lang schnacken, Koffer packen“, rät Meike Winnemuth in ihrem einsichtsreichen Bericht einer Selbstbefreiung und kommt zu dem verblüffenden Fazit: Auf das Geld wäre es gar nicht angekommen. Ein Buch wie ein Urlaub.

2) Richard David Precht: Anna, die Schule und der liebe Gott (Goldmann, 352 S.,

19,99 €)

„Große Veränderungen werden nicht durch ewig gesuchte Mittelwege und jahrelang abgewogene Gedanken erreicht“, schreibt Richard David Precht in seinem Buch über die deutsche Kinderverwahranstalt namens Schule und fordert tatsächlich eine „Bildungsrevolution“. Zwar leuchten mir viele von Precht angeprangerte Missstände ein: Seine Therapie – Auflösung der Klassen, keine Fächer, keine Noten, Gemeinschaftsschulen – scheint mir aber schlimmer als die Krankheit. Für die Schule nach Prechts Vorstellungen wie für die, die wir haben, gilt die Erkenntnis Harry Rowohlts: „Es ist sehr wichtig, in der Schule immer gut aufzupassen, sonst muss man hinterher studieren.“

1) Dieter Nuhr: Das Geheimnis des perfekten Tages (Lübbe, 312 S., 14,99 €)

Eine buchlange Ansammlung von Witzeleien der Sorte: „Normalerweise schlafe ich wie ein Stein, wie ein Baby, eine Leiche oder ein Regierungsrat im Verkehrsdezernat.“ Sehr komisch, Herr Nuhr.

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