Aufgeschlagen ... Zugeschlagen : Mütter und andere Götter

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.


10) Henning Mankell:

Die italienischen Schuhe (Deutsch von Verena Reichel, Zsolnay Verlag, 368 Seiten, 21,50 €)

Ein Arzt verkriecht sich in einem Haus auf einer schwedischen Insel, weil er einer Patientin vor zehn Jahren den falschen Arm amputiert hat. Weder Hand noch Fuß hat auch dieser kitschige Roman, in dem die Hoppela-Dramaturgie Triumphe feiert und dauernd vor Jahrzehnten verlassene Geliebte und ungeahnte uneheliche Töchter zur Tür reinschneien.

9) Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen (Deutsch von Michael Windgassen, Bloomsbury Verlag, 381 Seiten, 18 €)

Dieses Buch ist ganz ungeheuer gut gemeint. Es erzählt von Leid und Größe zweier Frauen unter der Knute eines idiotischen Ehemanns und von Afghanistan unter der Knute der Russen und Taliban. Aber weil Hosseini von Kindesbeinen an in den USA gelebt und die Regeln amerikanischer Schmonzetten offenbar verinnerlicht hat, ist „Tausend strahlende Sonnen“ literarisch so banal, grobschlächtig und hässlich, wie Propaganda in der Literatur nun mal ist – auch wenn es sich um Propaganda für eine gute Sache handelt.

8) Cornelia Funke: Tintenherz (Dressler Verlag, 573 Seiten, 19,90 €)

Stellen Sie sich vor, es gäbe Menschen, sogenannte Zauberzungen, die so anschaulich vorlesen, dass sie Figuren aus Büchern buchstäblich zum Leben erwecken und ins Hier und Jetzt versetzen können. Ja mehr noch: dass diese Zauberzungen sogar die Gabe besäßen, ihre gebannten Zuhörer in die Bücher hineinzulesen. So weit die Ausgangssituation von Cornelia Funkes bezauberndem modernen Märchen, das dem Leser Wesen wie Glasmänner und blaue Feen so real werden lässt wie die nächste Steuervorauszahlung.

7) Paulo Coelho: Die Hexe von Portobello (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, Diogenes, 304 Seiten, 19,90 €)

Eine rumänische Zigeunertochter, die von libanesischen Christen adoptiert wird, in Beirut eine idyllische Kindheit verbringt, dann vom Bürgerkrieg nach London vertrieben wird, wo sie mit 19 Jahren einen Sohn zur Welt bringt, ehe sie in Dubai als Immobilienmaklerin viel Geld verdient, was ihr ermöglicht, in Transsylvanien auf die Suche nach ihrer leiblichen Mutter zu gehen: Wie diese Geschichte beweist, ist esoterischer Stuss ein globales Phänomen. Paulo Coelho erzählt jede Menge Spökes über Mütter, Götter und Muttergöttinnen – zum Mitmenstruieren.

6) Tommy Jaud: Millionär (Scherz Verlag, 320 Seiten)

Dieser Unterhaltungsroman ist ziemlich genau so, wie auf Seite 113 eine Figur die Stadt Köln beschreibt: „Hässlich. Asozial. Provinziell. Aber, um auch mal was Nettes zu sagen: unfassbar billig.“ Tommy Jauds Roman „Millionär“ kostet 13,90 €.

5) Andrea Maria Schenkel: Tannöd (Nautilus, 128 Seiten, 12,90 €)

Mit diesem Buch über einen sechsfachen Mord auf einem Aussiedlerhof in den 50er Jahren brachte Andrea Maria Schenkel einen neuen Ton in den deutschen Krimi. Paradoxerweise lösen Schenkels kalte Ellipsen im Leser Mitleid mit den Figuren aus: Schenkel schreibt Krimis über geschundene Kreaturen.

4) Andrea Maria Schenkel: Kalteis (Nautilus, 150 Seiten, 12,90 €)

Auch in „Kalteis“ kommt Schenkel ohne Ermittler aus und schildert getreu der Devise „Just the facts, Ma’am“ wieder ohne jeden Schnickschnack knallhart dokumentarisch einen Fall, der auf wahren Begebenheiten beruht: die Geschichte einiger junger Frauen im München der Nazizeit – und die ihres Mörders. Schwarze deutsche Heimatliteratur, kantig und eigenwillig und einfach sehr gescheit.

3) Cornelia Funke: Tintentod (Dressler Verlag, 768 Seiten, 22 €)

Was ist der Tod? Lässt er sich austricksen? Wie entsteht Kunst? Gibt es Trost in der Literatur? Diese Themen behandelt Cornelia Funke in ihrer Tintenwelt-Trilogie. Angeblich sind dies Jugendbücher. Ich kenne wenig Besseres und Anspruchsvolleres für Erwachsene.

2) Julia Franck: Die Mittagsfrau (S. Fischer, 432 Seiten, 19,90 €)

Deutschland 1945. Auf der Flucht irgendwo in Ostdeutschland lässt eine Mutter ihren achtjährigen Sohn an einem Bahnhof zurück, verschwindet im Getümmel des Chaos bei Kriegsende. Welche Motivation diese Frau dazu bewegt, ihr Kind im Stich zu lassen, ist der Motor eines eindringlichen Familienromans. Nicht immer entgeht dieser mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Bilderbogen deutscher Geschichte der Gefahr bloß mechanischer Didaktik. Aber mit welch sprachlicher Kraft und poetischer Raffinesse Julia Frank ihr bekanntes Sujet mit Spannung auflädt, überzeugt.

1) J. K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Deutsch von Klaus Fritz, 740 Seiten, 28 €)

Der siebte Harry Potter erinnert im Vergleich etwa mit Tolkiens grandiosem Finale für Frodo Beutlin an einen über zu viele Runden angesetzten Schwergewichtskampf. Schlapp torkelt ein angeschlagener Harry über viel zu viele Seiten dem finalen Showdown mit Lord Voldemort entgegen, der für einen richtigen Bösewicht einfach nicht über die notwendigen Nehmerqualitäten verfügt. Auch den Nebenfiguren fehlt es an Punch. So wird der erschöpft und enttäuscht in den Seilen hängende Leser Zeuge des unwürdigen Abgangs eines großen Champs. Bleibt zu hoffen, dass Mrs. Rowling die alte Boxerregel beherzigt: They never come back!

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