AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Omelett & Hamlet

Von Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute um 23.30 Uhr mit Arthúr Bollason, Christian Kracht, Rafik Schami).



10) Stephenie Meyer: Bis(s) zur Mittagsstunde (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 557 Seiten, 19, 90 €)

„Nackenbeißer“ heißen im Buchhandel Schmonzetten, in denen junge Frauen von etwas älteren Männern in die Geheimnisse der Liebe eingeführt werden. Der Altersunterschied zwischen Meyers begriffsstutziger Heldin Bella und ihrem zum Verrücktwerden höflichen Vampir- Geliebten Edward beträgt gleich mehrere hundert Jahre. Und dann weigert sich Edward auch noch zu beißen. Resultat: ein Nackenbeißer ohne Biss.

9) Iny Lorentz: Die Tochter der Wanderhure (Knaur Verlag, 720 Seiten, 19,95 €)

Unerwiderte Liebe ist schlimm. So schlimm wie hier aber war sie noch nie, kleidet sie dieser Mittelalterschmöker doch in die blechernsten Dialoge aller Zeiten. Auf die Frage der Wanderhurentochter Trudi: „Was soll das bedeuten? Ich liebe dich doch!“, erklärt etwa Georg von Gressingen auf Seite 550: „Deine blinde Verliebtheit war mir sehr nützlich. Nun kann ich endlich das tun, für das man mich erwählt hat. Ich werde im Auftrag Herzog Albrechts den König töten und reichen Lohn dafür erhalten. Du dummes Ding hast mich nie interessiert! Es war nur deine Mitgift, die mich eine Weile gereizt hat. Dein Vater, dieser Narr, hat noch versucht, mich zu einer Heirat mit dir zu zwingen, weil du dich mir im Fuchsheimer Wald hingegeben hast wie eine läufige Hündin. Das hat er mit seinem Leben bezahlt. Ja, schau nicht so dumm!“ So sprechen keine Ritter, so sprechen Roboter.

8) Sven Regener: Der kleine Bruder (Eichborn Verlag, 281 Seiten, 19,95 €)

Westberlin als Ort der Befreiung von Bundeswehr, Eltern und Ökonomie schildert Sven Regener im Mittelteil seiner schönen Trilogie um Frank Lehmann, der aus Bremen nach Kreuzberg kommt. Ob man dort irgendwas beachten müsse, fragt Lehmann einmal seinen Freund Wolli. Dieser erteilt ihm den weisen Rat: „In Berlin wohnen ist wie Tubaspielen: Hauptsache, du pupst ordentlich rum!“

7) Siegfried Lenz: Schweigeminute (Hoffmann und Campe, 128 Seiten, 15,95 €)

„Um über den Regen zu schreiben, muss man nicht gerade nass geworden sein“, hat Siegfried Lenz einmal in einem Essay erklärt. Ich aber glaube, so einsichtsreich, tief und berührend wie in dieser Novelle über die Liebe zwischen einem Schüler und seiner Englischlehrerin kann nur jemand schreiben, der den Verlust einer geliebten Person persönlich erlebt hat.

6) Ken Follett: Die Tore der Welt (Deutsch von Rainer Schumher und Dietmar Schmidt, Lübbe, 1120 Seiten, 24,95 €)

Die ausgewalzte, 200 Jahre später spielende Fortsetzung von „Die Säulen der Erde“ ist ein Roman wie ein Freilichtmuseum: Menschen mit dem Bewusstsein von heute agieren in Kostümen von gestern.

5) Alan Bennett: Die souveräne Leserin (Deutsch von Ingo Herzke, Wagenbach Verlag, 120 Seiten, 14,90 €)

Was gute Bücher in einem gekrönten Haupt anrichten, davon erzählt Alan Bennett in seiner schlauen Einführung in die Welt der Bücher und des British Way of Life. Stellen Sie sich vor, die britische Queen entdeckt im Alter plötzlich die Freuden der Literatur, beginnt tatsächlich zu lesen und entdeckt, dass Literatur vor keinem buckelt. Ein königliches Vergnügen!

4) Paulo Coelho: Brida (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, 256 S., 19,90 €)

Magische Kristalle, Tarotkarten, Meister der Mond- und Meister der Sonnentradition: Paulo Coelho lässt nichts aus, was der Markt an neoreligiösem Stuss hergibt, um die spirituelle und sexuelle Erweckung einer junger Irin namens Brida aufzuzeigen. An einer Stelle fragt Brida ihre Lehrerin: „Woran erkennst du, dass ich eine besondere Gabe habe?“ und erhält zur Antwort: „Das ist ganz einfach. An den Ohren.“ Ach so.

3) Ildiko von Kürthy: Schwerelos (Rowohlt, 256 Seiten, 17,90 €)

Die Heldin von Ildikó von Kürthys neuem Roman ist bald 37, weiß als Verlagslektorin um den Unterschied zwischen Omelett und Hamlet und hat ein klitzekleines Problem mit ihrem Selbstwertgefühl: Beim Krippenspiel im Kindergarten war sie immer der Esel, und seither hat sich in ihrem Leben wenig verändert. Wenig verändert hat sich auch Kürthys literarischem Kosmos: das Personal dieses Romans einschliesslich schwulen Türken und hirnlosen Lovern kommt einem aus früheren Büchern allzu bekannt vor. Das ist kein Fall von Recycling, das ist ein Resteessen.

2) Charlotte Roche: Feuchtgebiete (DuMont, 219 Seiten, 14,90 €)

Dieser Amoklauf gegen alle, deren „oberstes Gebot im Leben lautet: keine Flecken hinterlassen“, amüsiert etwa die ersten 20 Seiten lang. Danach hat man dann nur noch ein banales Jugendbuch in Händen und wünscht sich nichts sehnlicher als einen Tintenkiller.

1) Uwe Tellkamp: Der Turm (Suhrkamp Verlag, 976 Seiten, 24,80 €)

Ein ambitionierter Tausendseitenwälzer, dessen Handlung sich in Asterix-Manier zusammenfassen lässt: „Wir befinden uns im Jahre 1982 n. Chr. Die ganze DDR ist von den Kommunisten besetzt ... Die ganze DDR? Nein! Ein von unbeugsamen Bildungsbürgern bevölkerter Dresdner Stadtteil hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten ….“ Das Amt für deutsche Vergangenheitsbewältigung alias die Jury des Deutschen Buchpreises hat diesen Roman ausgezeichnet. „Der Turm“ will ganz ungemein deutsch, ganz ungemein bürgerlich und ganz ungemein Kunst sein. Bei all dem deutschen bürgerlichen Kunstwollen entsteht ein Geruch nach Schweiß wie in der Umkleidekabine eines Fussballoberligisten nach der Halbzeitpause.

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