AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Pimp my Krimi!

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute, Sonntag, 23.35 Uhr mit Kurt Flasch und Sabine Scho).

10) Dan Brown: Inferno (Deutsch von Axel Merz und Rainer Schumacher, Lübbe, 685 Seiten, 24 €)

Dan Brown hetzt seinen Helden, den Symbologen Robert Langdon, durch Florenz, Istanbul und Venedig – und durch die Imaginationsräume von Dantes „Göttlicher Komödie“. Ergebnis: reiner Schund, aber auf James-Bond-Niveau.

9) Daniel Kehlmann: F (Rowohlt Verlag, 384 S., 22,95 €)

Im Kontext dieser Liste ist dieser Roman eine Perle unter Säuen. Nach literarischen Maßstäben jenseits des Bestsellerschunds beurteilt, hat mich der neue Kehlmann allerdings enttäuscht: Die Milieus des Kunstbetriebs, der katholischen Kirche und der Finanzwelt, die Kehlmann hier präsentiert, erscheinen mir durchweg unglaubwürdig. Über unsere Gegenwart habe ich aus „F“ in etwa so viel erfahren wie aus einer Folge „Lindenstraße“. Zu viel Konstruktion, zu wenig Kunst, zu viel Absicht, zu wenig Wirkung.

8) Timur Vermes: Er ist wieder da (Eichborn Verlag, 396 Seiten, 19,33 €)

Adolf Hitler feiert wiederauferstanden im heutigen Berlin Triumphe in der Mediendemokratie. „Ich will die Wahrheit sagen“, lässt Timur Vermes seinen Hitler redivivus sagen. Ich auch: Dieses Buch ist nicht mehr als ein zu Tode gerittener Partygag.

7) Derek Landy: Skulduggery Pleasant: Duell der Dimensionen (Deutsch von Ursula Höfker, Loewe Verlag, 590 S., 18,95 €)

Die siebte Fortsetzung eines albernen Harry-Potter-Klons auf literarischem Prekariats-Niveau-Zitat: „Bevor er abdrücken konnte, schickte sie ihre Magie in seinen Schädel und kochte sein Gehirn weich.“ Eine treffende Beschreibung der Wirkung solcher Prosa.

6) Rebecca Gablé: Das Haupt der Welt (Lübbe, 864 S., 26 €)

„Über kaum einen anderen Herrscher in der deutschen Geschichte ist so viel Blödsinn geschrieben worden wie über Otto I.“, schreibt Rebecca Gablé im Nachwort zu ihrem Historienschmöker über den Elbslawenprinzen Tugomir und die Ludolfinger aus dem zehnten Jahrhundert. Auch wenn sie von der literarischen Raffinesse, mit der etwa eine Hilary Mantel die Zeitmaschine namens „historischer Roman“ in Gang zu setzen weiß, meilenweit entfernt ist, liefert Gablé mit diesem Buch zumindest handwerklich solide Unterhaltungsliteratur aus dem ostfränkischen Reich des frühen Mittelalters.

5) Ferdinand von Schirach: Tabu (Piper, 256 S., 17,99 €)

„Pimp my Krimi!“ ist die Devise von Ferdinand von Schirach. Nun hat er hat einen mit Fragen wie „Was ist Schuld?“ aufgebrezelten Künstlerroman geschrieben, mit brutalen Stiefvätern, die wehrlosen Katzen in den Bauch treten, mysteriösen Halbschwestern und Pornoproduzenten, deren Filme „Venus im Spermabad“ heißen. Manche Menschen verwechseln diese karge Hauptsatzprosa, die sich an den Wonnen des Boulevards von Mord, Totschlag und in Rohrreiniger aufgelösten Babyleichen aufgeilt, mit Literatur. Das ist ein Irrtum.

4) Terézia Mora: Das Ungeheuer (Luchterhand, 688 S., 22,99 €)

Dieser mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnete Roman wird in zwei Textsträngen erzählt, getrennt durch einen Strich quer über die Seite – das literarische Pendant zum Splitscreen im Kino: Oben lesen wir von einem arbeitslosen IT-Spezialisten, der durch Osteuropa reist und im Gepäck die Urne mit der Asche seiner Frau hat, die sich nach einer langen Depression umgebracht hat. Die nachgelassenen Aufzeichnungen dieser Frau finden wir unterm Strich. Ich habe mich gefragt, wer eigentlich „Das Ungeheuer“ ist, das Terézia Moras Titel ankündigt. Die Krankheit Depression? Das Leben mit seinen Härten? Nach gut 680 Seiten Prosa von Mora bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass die Autorin selbst das Ungeheuer ist, die uns mit diesem Roman ohne einen Funken Esprit mit ihrer larmoyanten, Grau in Grau in Schwarz erzählten Geschichte quält.

3) Cecilia Ahern: Die Liebe deines Lebens (Deutsch von Christine Strüh, Krüger, 377 S., 16,99 €)

Auf den ersten Seiten dieses in Dublin spielenden Romans erschießt sich ein Mann vor den Augen der Erzählerin, einer unter enervierender Plappersucht leidenden Jobvermittlerin namens Christine mit einer Vorliebe für schwachsinnige Ratgeber. Als sie kurz darauf einen weiteren Suizidkandidaten trifft, der im Begriff steht, sich von einer Brücke stürzen, will sie diesen Mann um jeden Preis retten. Weil der Plot der Autorin selbst wohl etwas an den Haaren herbeigezogen scheint, muss sie Dialoge schreiben wie: „Im Ernst, Christine – erwarten Sie von mir, dass ich diese Geschichte glaube? Sie sind einfach vorbeigekommen? Zweimal in einem Monat? Soll ich glauben, dass das ein Zufall war?“ Am Ende dieses Romans sind der Lebensmüde und Christine ein Paar. Ich als Leser von „Die Liebe Deines Lebens“ war am Ende auch nur einen Schritt davon entfernt, mein armes gequältes Bewusstsein zu erlösen, besann mich dann aber eines Besseren und erschoss lieber dieses doofe Buch.

2) Khaled Hosseini: Traumsammler (Deutsch von Henning Ahrens, S. Fischer, 448 S., 19,99 €)

„Traumsammler“ erzählt eine zwischen Kabul und Kalifornien, Griechenland und Paris angesiedelte Familiensaga und eine afghanische Version von Hänsel und Gretel, in der ein Bruder nach 60 Jahren seine Schwester wiedertrifft, unter deren Trennung er sein Leben lang gelitten hat. Außer Drogendealern und Waffenhändlern zählt zu den großen Profiteuren der Kriege in Afghanistan Khaled Hosseini, dessen schwer erträgliche Kitschromane das Leid der gequälten Bevölkerung zu Hollywood-kompatiblen Klischees eindampfen.

1) Jussi Adler-Olsen: Erwartung (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 576 S., 19,90 €)

Nach dem ersten Drittel dieses Krimis um Korruption in Dänemark, veruntreute Entwicklungshilfemittel in Kamerun und eine Pseudo-Zigeunerbande in Kopenhagen trennt sich die Freundin des Kommissars von Carl Mørck und sagt dabei die einzigen Sätze, die mir in diesem politisch hyperkorrekten, entsetzlich langweiligen Krimi eingeleuchtet haben: „Mir fehlt die Entwicklung, Carl, und das schon seit Langem. Ja, lange genug, wenn ich ehrlich bin. Deshalb finde ich, dass wir das jetzt beenden sollten.“ Genau.

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