AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Sinn und Irrsinn

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal im Monat die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Am heutigen Sonntag um 23.50 Uhr mit Nicholson Baker und Jan-Peter Bremer.

10) Kerstin Gier: Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner (Bastei Lübbe, 288 Seiten, 12,99 €)

Die Heldin dieses Liebesromans wird nach fünf Jahren Partnerschaft durch einen Straßenbahnunfall in die Vergangenheit geschleudert und fragt sich, ob sie sich wirklich noch einmal auf ihren Mann einlassen soll. Böte sich mir eine solche Gelegenheit, etwas anders zu machen, dann würde ich eines sicher nicht noch einmal tun: diese Schmonzette lesen.

9) Ally Condie: Cassia & Ky – Die Flucht (Deutsch von Stefanie Schäfer, Fischer Jugendbuch, 464 Seiten, 16, 99 €)

Mittelbände von Trilogien haben meist ein Problem mit der Spannungskurve, dieser aber ist ein totaler Durchhänger. Die Handlung lässt sich damit zusammenfassen, dass Cassia und Ky sich ganz doll lieb haben, leider aber getrennt sind. Das Ganze in einer Sprache, die restringiert zu nennen untertrieben wäre: „Ich schließe die Augen. Ich liebe Ky. Aber ich verstehe ihn nicht. Er lässt mich nicht an sich heran.“ Das ist nicht Prosa für die Generation SMS, das ist SM-Prosa.

8) Jussi Adler-Olsen: Erlösung (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 592 S. 14,90 €)

Der dritte Fall des Sonderdezernats Q der Kopenhagener Polizei ist im Milieu evangelikaler Sektierer angesiedelt und strahlt dieselbe nervenzerfetzende Spannung aus wie ein Weltmeisterschaftsfinale im Pfahlsitzen.

7) Jussi Adler-Olsen: Schändung (Deutsch von Hannes Thiess, dtv, 464 S., 14,90 €)

Der zweite Fall mit Inspektor Carl Mork und dessen Assistenten Hafez al-Assad ist ein abstrus konstruierter Gewaltporno um eine machttrunkene Clique von Internatsschülern, die Menschenhatzen veranstalten. Jahre später sind aus den jugendlichen Blutsäufern Angehörige der dänischen Oberschicht mit dem Moralempfinden spätantiker Circus-Besucher geworden. Adler-Olsen schreibt ganz so, wie sich viele Neidgeplagte gern die Welt der Reichen vorstellen: spannungslos und moralisch unterkomplex.

6) Stephen King: Der Anschlag (Deutsch von Wulf Bergner, Heyne Verlag, 1056 Seiten, 26,99 €)

Dies ist ein blendender Roman, der beste von Stephen King seit Jahrzehnten, ein Meisterwerk auf Augenhöhe mit „Es“, „The Stand“, „Sie“ oder „Christine“. „Der Anschlag“ erzählt eine Zeitreisegeschichte, in der sich einem amerikanischen Englischlehrer die Möglichkeit bietet, 1963 das Attentat auf John F. Kennedy zu verhindern. Stephen King ist der Charles Dickens des 21. Jahrhunderts, sein neuer Roman ein herzzerreißender nostalgischer Abgesang auf all die verpassten Chancen der Supermacht USA, sich tatsächlich als Land der Freien und Heimat der Tapferen zu erweisen.

5) Dora Heldt: Bei Hitze ist es wenigstens nicht kalt (dtv, 336 Seiten , 14,90 €)

Aus Angst vor der angeblichen biografischen Wasserscheide ihres 50. Geburtstags verschanzt sich eine Frau in einem Wellnesshotel, weil sie „keine Lust auf eine Familienfeier mit gemischtem Braten und Nachtisch“ hat. Niederschmetternd an diesem auf die weibliche Leserschaft schielenden Unterhaltungsroman ist, wie er die Vielfalt menschlicher Möglichkeiten auf den Handlungsspielraum devoter Hausmäuse zusammenschnurren lässt.

4) Paulo Coelho: Aleph (Deutsch von Maralde Meyer-Minnemann, Diogenes, 309 Seiten, 19,90 €)

Er ist wieder da: Paulo Coelho, unangefochtener König des Esoterikschunds, ein Autor, dessen in der Literaturgeschichte ganz und gar beispielloser grotesker Dilettantismus in umgekehrt proportionalem Verhältnis zu seinem Erfolg steht. Und Coelho ist in seinem neuen Werk tatsächlich noch verlogener und abgeschmackter denn je. In „Aleph“ beschreibt er eine Lesereise mit der transsibirischen Eisenbahn, die er in Begleitung eines türkischstämmigen Groupies antritt, das Coelho – die Seelenwanderung macht’s möglich – vor rund 500 Jahren schon mal dem Scheiterhaufen überantwortet hat. Ansonsten übt sich Coelho aber in Enthaltsamkeit; Höhepunkt seiner Russlandreise bildet eine Audienz beim damaligen Präsidenten Putin. Da haben sich die richtigen beiden gefunden: Lupenreiner Demokrat trifft lupenreinen Literaten.

3) Daniel Glattauer: Ewig Dein (Deuticke, 208 Seiten, 17,90 €)

Ein kurioses, weil sein Genre abrupt wechselndes Buch. Was beginnt wie ein konventioneller Liebesroman, wird zu einem unter die Haut gehenden Psychothriller. Eine Frau Mitte 30 lernt im Supermarkt ihren vermeintlichen Traummann kennen. Dieser entpuppt sich im Fortgang der Handlung erst als Klammeraffe, dann als fieser Stalker. Weil Glattauer es lange schafft, in seinen Lesern Zweifel zu säen, wer von den Liebenden denn nun durchgedreht ist, verzeiht man diesem Unterhaltungsroman manch krude Ausgewalztheit und sein abruptes Ende. Ein Hitchcock könnte aus diesem Stoff sogar Kunst machen.

2) Jonas Jonasson: Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand (Deutsch von Wibke Kuhn, Random House, 416 Seiten, 14,99 €)

Woody Allens „Zelig“ und Winston Grooms „Forrest Gump“ sind die Paten für Herrn Karlsson, der sich an seinem hundertsten Geburtstag aus seinem Altersheim aus dem Staub macht, an einen Koffer voller Mafiamoneten gerät und auf seiner Reise kreuz und quer durch Schweden den Lesern seine Lebensgeschichte enthüllt, die unter anderem Begegnungen mit Stalin, Franco, Mao, de Gaulle und Harry S. Truman bereithält. Ein amüsanter Crashkurs über Sinn und Irrsinn von Geschichte und Gegenwart.

1) Jussi Adler-Olsen: Das Alphabethaus (Deutsch von Hannes Thiess und Marieke Heimburger, dtv, 592 Seiten, 14,90 €)

Zwei während des Zweiten Weltkriegs abgeschossene englische Piloten schlüpfen in die Identitäten von SS-Offizieren, die 1944 von der Ostfront in ein psychiatrisches Pflegeheim bei Freiburg im Breisgau verlegt werden. Obwohl einer von ihnen kein Wort Deutsch spricht, bemerkt das dort über Monate hinweg kein Mensch. Allerdings geraten die beiden mit einer Clique anderer Simulanten aneinander. Der eine Engländer kann fliehen, der andere bleibt 27 Jahre in Deutschland und simuliert einfach weiter – bis ihn sein Kamerad 1972 auf eigene Faust zu befreien versucht. Offenbar schwebte Adler-Olson eine Art „Rambo“ vor deutscher Kulisse vor. Aber herausgekommen ist ein unglaubwürdiges und sagenhaft blödes Machwerk, weil für Adler-Olsen Nazis, SS und Zweiter Weltkrieg bloß literarische Spielmarken sind wie Kasperle, Godzilla oder King Kong. Dieses 15 Jahre später als das dänische Original veröffentlichte Debüt ist ein heißer Anwärter auf den dämlichsten Nazi-Thriller aller Zeiten.

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