AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Tumbe Trittbrettfahrer

Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute, 31.1., 23.30 Uhr mit James Ellroy und Dieter Kühn).

10) Alyson Noel: Evermore (Deutsch von Marie-Luise Bezzenberger, Page & Turner Verlag, 375 Seiten, 16,95 €)

Die 16-jährige Ever verliert durch einen Autounfall nicht nur Vater und Mutter, sondern auch Schwester und Labrador. Danach ist Ever zwar paranormal begabt, fühlt sich aber auch ein klein wenig schuldig. Dazu hat sie guten Grund, wissen wir doch mit Oscar Wilde: Ein Elternteil zu verlieren, mag als Unglück gelten, beide zu verlieren, zeugt von einer gewissen Sorglosigkeit. Dann tritt Mitschüler Damen in Evers Leben, ein Unsterblicher, der folgendermaßen beschrieben wird: „Seine Lippen sind voll und einladend, mit vollendetem Schwung. Und der Körper, auf dem das alles ruht, ist lang, schlank, straff und ganz in Schwarz gekleidet.“ Alyson Noel zehrt parasitär vom Erfolg der „Bis(s)“-Reihe Stephenie Meyers, ihre Teenie-Schmonzette ist folglich ein Vampir-Vampir-Roman.

9) Frank Schätzing: Limit (Kiepenheuer & Witsch, 1320 Seiten, 26 €)

Ideenreich und intelligent konzipiert, süffig geschrieben: ein guter deutscher Unterhaltungsroman, der endlich einmal die wirklich wichtigen Fragen stellt und überzeugend beantwortet: Wie kommen wir billig auf den Mond? Was haben wir dort verloren? Und vor allem: Was gibt’s da zu essen?

8) William Paul Young: Die Hütte (Deutsch von Thomas Görden, Allegria Verlag, 301 Seiten, 16,90 €)

Eine abstruse Story über einen Mann, dem der liebe Gott im Verein mit Jesus und Heiligem Geist persönlich die Welt schönredet, eine amerikanische Erbauungsschrift, verlogen bis ins Mark, eines jener Bücher, die dafür sorgen, dass die Armen auch geistig arm bleiben, dass auf jede himmelschreiende Ungerechtigkeit ein spirituelles Trostpflästerchen gepappt wird, dass jeder leidende Topf noch irgendwo seinen Transzendenz-Deckel findet – und dass überhaupt alles so bleibt, wie es ist. Grauenhaft.

7) Kerstin Gier: Saphirblau (Arena Verlag, 395 Seiten, 15,95 €)

Dieses Jugendbuch ist klischeehaft in seiner Darstellung der Geschlechterrollen, seine Heldin ist enervierend tumb, zudem mangelt es Gier an historischer Fantasie. Aber weil ich eine Schwäche für Zeitreisegeschichten habe, besorge ich mir jetzt auch „Rubinrot“, den ersten Band dieser streckenweise durchaus amüsanten Trilogie von Kerstin Gier.

6) Stephenie Meyer: Bis(s) zum Abendrot (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 557 Seiten, 19,90 €)

Auf Seite 447 dieser quälend zerdehnten Nackenbeißer-Fortsetzung kommt es zu einem unerwarteten Handlungshöhepunkt: „Sein Mund war nicht zärtlich; in der Art, wie er die Lippen bewegte, lag eine ungekannte Mischung aus Verzweiflung und Zerrissenheit. Ich schlang die Arme um seinen Hals, und an meiner plötzlich überhitzten Haut fühlte sich sein Körper kälter an denn je. Ich erschauerte, aber nicht vor Kälte.“ Nach diesem nervenzerfetzenden Knaller plätschert der Roman dann allerdings in Meyers üblicher Zeilenschinder-Manier vollkommen ereignislos weiter vor sich hin.

5) Jussi Adler-Olssen: Erbarmen (Deutsch von Hannes Thiess, DTV, 419 S., 14,90 €)

Eine dänische Nachwuchspolitikerin verschwindet von Bord einer Fähre, wird fünf Jahre in Isolationshaft in einem teuflisch konstruierten Überdruck-Verlies gefangen gehalten, und nur die Erinnerung daran, wie ihre Mutter ihr „Pu der Bär“ vorliest, bewahrt sie davor, den Verstand zu verlieren. Der erste Fall des karriereresistenten Vizekriminalkommissars Carl Mørck und seines syrischen Assistenten Hafez el-Assad ist routinierter skandinavischer Krimistoff, mir persönlich eine Spur zu gutmenschelnd – aber das ist eine Frage des Zeitgeists.

4) Dan Brown: Das verlorene Symbol (Deutsch vom Bonner Kreis, Lübbe Verlag, 765 Seiten, 26 €)

Nach Vatikan und Heiligem Gral knöpft sich Dan Brown nun die Mysterien der amerikanischen Freimaurer vor. Ansonsten ist der neue Brown so was von der alte, dass man fast von einem Eigenplagiat sprechen möchte. Ergebnis: 132 Cliffhanger, aufgeteilt in 133 Kapitel – und dennoch ein todlangweiliges Buch.

3) Stephenie Meyer: Bis(s) zum Ende der Nacht (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 788 Seiten, 19,90 €)

Ein Roman wie nach einer Kortisontherapie: aufgeschwemmt durch gnadenlose Redundanz zu einem sinnfreien Pleonasmus-Ödem. Das liest sich dann so: „Edward. Edward. Mein Leben und seins waren zu einem einzigen Band verwoben. Durchtrennte man eines, durchtrennte man auch das andere. Wäre er tot, könnte ich nicht weiterleben. Und wenn ich tot wäre, würde er auch nicht weiterleben. Und eine Welt ohne Edward kam mir völlig sinnlos vor.“ Erwachsenen Lesern dieser pubertären Vampir-Liebesromane kommt allerdings auch eine Welt mit Edward völlig sinnlos vor.

2) Herta Müller: Atemschaukel (Hanser Verlag, 202 Seiten, 19,90 €)

In ungeheuer bildmächtiger Sprache erzählt Herta Müller von jenen 60 000 Rumäniendeutschen, die zu Beginn des Jahres 1945 in sowjetische Lager deportiert wurden und dort jahrelang Zwangsarbeit verrichten mussten.Trostlos in seiner Dokumentation dessen, was Menschen in ihrem ideologischen Hass Menschen antun, tröstend allein durch sein ästhetisches Gelingen, ist dieser Roman ein wunderbares Beispiel für die Funktion von Literatur als Erinnerungsspeicher.

1) P. C. Cast und Kristin Cast: Gezeichnet (Deutsch von Christine Blum, Fischer FJB Verlag, 463 Seiten, 16,95 €)

Dieser süßlich-verlogene Schmarren klont Harry Potters Zaubererinternat mit Stephenie Meyers Vampir-Romanzen. Dabei ist das Mutter-Tochter-Autorenteam Cast in seiner literarischen Trittbrettfahrerei dermaßen dreist, dass sie bereits in der Widmung zu erkennen geben, wes Geistes Kind ihr Buch ist: „Für unsere wundervolle Agentin Meredith Bernstein, die das magische Wort aussprach: Vampyr-Internat.“ So möchte auch ich das magische Wort zu „Gezeichnet“ aussprechen: „Mistikack!“

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