AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Vom Nein ohne jedes Ja

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (heute 23.35 Uhr mit Hannelore Schlaffer, Peter Kurzeck, Indra Wussow).

10) Sönke Neitzel, Harald Welzer: Soldaten (S. Fischer, 528 S., 22,95 €)

Von diesen Originaltönen aus abgehörten Gesprächen deutscher Soldaten in alliierter Kriegsgefangenschaft geht eine große Faszination aus. Die kommentierten Auszüge erschüttern weniger durch ihren aggressiven Antisemitismus, den Glauben an den „Führer“ oder den Endsieg als durch die darin dokumentierte Abstumpfung im bestialischen Alltag, das Sichbrüsten mit barbarischer Gewalttätigkeit. Ein interessantes Pendant dazu wäre ein Band mit Gesprächen von Bundeswehrsoldaten in Afghanistan heute.

9) Thilo Sarrazin: Deutschland schafft

sich ab (DVA, 464 S., 22,99 €)

Die auf Vermehrung um jeden Preis zielende Karniggelstrategie mancher bundesdeutscher Bevölkerungspolitiker ist selten so deutlich geworden wie in diesem keineswegs dummen, gleichwohl gefährlichen und abstoßenden Sachbuch. Thilo Sarrazin schreibt: „Es könnte beispielsweise bei abgeschlossenem Studium für jedes Kind, das bis zur Vollendung des 30. Lebensjahres der Mutter geboren wird, eine staatliche Prämie von 50 000 Euro ausgesetzt werden.“ Thilo Sarrazins Buch ist das beste Argument für Sterilisation, das ich kenne.

8) Wolfgang Büscher: Hartland

(Rowohlt Berlin, 304 S., 19,95 €)

Auch wenn sich der Autor präventiv als „Amerikadepp“ bezeichnet und ich mir gewünscht hätte, dass Wolfgang Büscher stärker auf die Erfahrungsspeicher von Literatur, Philosophie und Geschichte zurückgegriffen hätte: Diese Fortsetzung seines von Johann Gottfried Seumes „Spaziergang nach Syrakus“ entlehnten Projekts der wandernden Wahrnehmung eines Landes enthält viele profunde Beobachtungen, etwa die, dass man in den USA viel häufiger „Wohin des Wegs?“ gefragt wird, als woher man denn komme.

7) Andreas Kieling und Sabine Wünsch:

Ein deutscher Wandersommer

(Malik Verlag, 304 S., 22,95 €)

Wandern ist das neue Pilgern: An die Stelle religiöser Versenkung tritt die Naturbeobachtung. Das kann man besser oder schlechter machen. Kieling und Co-Autorin Wünsch beschreiben eine Wanderung entlang der ehemaligen innerdeutschen Grenze und machen es sogar richtig gut, denn ihr Buch erzählt nicht nur anschaulich von Begegnungen mit Wildkatzen, Luchsen und Gelbbauchunken, sondern auch von Menschen und den Folgen der deutschen Teilung.



6) Joachim Fuchsberger:
Altwerden ist nichts für Feiglinge

(Gütersloher Verlagshaus, 224 S., 19,99 €)

Bei allem Respekt für den Entertainer Joachim Fuchsberger: Die Lektüre dieses oberflächlichen Sammelsuriums hat mich schwer altern lassen.

5) Carlo Pedersoli mit Lorenzo De Luca und David de Filippi: Bud Spencer (Schwarzkopf + Schwarzkopf, 272 Seiten, 19,95 €)

Zusammengekleisterte Schauspielerautobiographien gibt es Tausende. Das Ärgerliche an dieser ist die verharmlosende Darstellung des italienischen Faschismus, den der 1929 geborene, aus einer großbürgerlichen neapolitanischen Familie stammende Spencer vor lauter Schwimmbegeisterung gar nicht bemerkt.

4) Walter Kohl: Leben oder gelebt werden (Integral, 274 S., 18,99 €)

Eine Anklage, eine Streitschrift, ein Abrechnungsbuch mit dem abwesenden Vater hat Walter Kohl, der Sohn des Altbundeskanzlers Helmut Kohl geschrieben. Dass man es ohne Beklemmung und mit wachsender Neugier liest, liegt daran, dass Walter Kohl seine Leser nicht zu Voyeuren von Familienzwistigkeiten macht, sondern Einblick in das Herrschaftssystem Helmut Kohls gewährt, das von Beginn an ein persönliches Regiment war.

3) Helmut Schmidt: Religion in der

Verantwortung (Propyläen, 256 S., 19,99 €)

Besorgte Leser mögen sich fragen, ob diese Sammlung mit Aufsätzen zum Verhältnis von Staat und Kirchen nur der Vorschein sein könnte von weiteren Veröffentlichungen wie Schmidts „Großem Weihnachtsbuch mit den besten Plätzchenrezepten aus dem Bonner Bundeskanzleramt“ und wann wir mit „Helmut Schmidts Ikebanabibel“ oder seinen „Tipps zur Welpenaufzucht“ rechnen müssen. Diese Sorgen sind grundlos. Ansichten des Altkanzlers zu Kirche und Staat enthalten wie immer viel Gescheites, Kluges und Richtiges. Zum Beispiel den Satz: „Das Wesen der freiheitlichen Demokratie ist nicht einfach, dass die Mehrheit herrscht, sondern dass diese Mehrheit weiß, über welche Dinge man legitimerweise Mehrheitsentscheidungen fällen darf und worüber man dies nicht darf.“ Halleluja!

2) Margot Käßmann: Sehnsucht

nach Leben (Adeo, 176 S. , 17,99 €)

In zwölf besinnungsaufsatzähnlichen Texten denkt die Ex-Vorsitzende der EKD über Leben und Liebe, Kraft, Heimat, Stille und ja, auch über Gott nach. Dabei schreibt sie Sätze wie: „Ein Nein ohne jedes Ja – das wurde auf lila Tüchern beim Kirchentag 1983 in Hannover gegen den Willen von Kirchentagsleitung und Evangelischer Kirche in Deutschland zum Symbol.“ „Ein Nein ohne jedes Ja“, auf diesen wirren Nenner könnte man auch meine Meinung zu diesem Mischmasch von einem Buch bringen.

1) Dieter Nuhr: Der ultimative Ratgeber

für alles (Lübbe, 304 S., 12,99 €)

Der Komiker Dieter Nuhr hat sich mit seinem Buch viel vorgenommen: „Die Sinnfrage wird geklärt, das Leib-Seele-Problem enträtselt und die Frage beantwortet, wie man in vierzehn Tagen reich, schön und sexy wird, nämlich durch Autosuggestion, Selbsthypnose oder Geld.“ Dieses zusammengestoppelte Buch ist zwar das Abfallprodukt einer glänzenden Bühnenkarriere, weist aber neben jeder Menge humoristischen Rohrkrepierern einfach mehr gute Gags pro Seite auf als sämtliche Konkurrenzprodukte.

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