Aufgeschlagen Zugeschlagen : Vom Winde verkauft

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste und wechselt dabei zwischen Belletristik und Sachbüchern – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Diesmal: Belletristik.

Denis Scheck

10) Henning Mankell:

Die italienischen Schuhe (Deutsch von Verena Reichel, Zsolnay Verlag, 368 Seiten, 21,50 €)
Der neue Henning Mankell handelt von einem Arzt, der sich nach einem Kunstfehler auf eine einsame Insel zurückzieht, wo er zehn Jahre lang morose Selbstkasteiung praktiziert und sich dabei immer mehr in sich selbst einspinnt – bis er schließlich mit Hilfe einer alten krebskranken Freundin Schritt um Schritt wieder ins Leben zurückfindet. Als Lektüre ist das in etwa so spannend, wie einer Packung tiefgefrorener Erbsen beim Auftauen zuzusehen.

9) Khaled Hosseini: Tausend strahlende Sonnen (Deutsch von Michael Windgassen, Bloomsbury Verlag, 381 Seiten, 18 €)
So schief wie das titelgebende Bild von den „tausend strahlenden Sonnen, die verborgen hinter Mauern stecken“, so unstimmig konstruiert ist dieses ganze klischeeüberfrachtete Buch. Hosseini erzählt von zwei Frauen, die unter einem prügelnden Kretin von Ehemann, einer idiotischen Gesellschaftsordnung und den wechselnden Machthabern – von den Kommunisten bis zu den Taliban – leiden. Der schlimmste Kriegsgewinnler ist allerdings dieser Propagandaroman selbst.

8) Tommy Jaud: Millionär (Scherz Verlag, 320 Seiten, 13,90 €)
Beschwerdemails schreiben ist sein liebstes Hobby, eine yuppiehafte neue Obermieterin sein größtes Problem: Um eine Million Euro zusammenzuraffen, schreckt der Kölner Hartz-IV-Empfänger Simon Peters vor rein gar nichts zurück – weder vor Hundehaufen von Doggen noch vor der Kantine von RTL oder was es sonst noch so alles an Unappetitlichem gibt. Jauds Roman ist die jüngste, ins Kölsche transponierte Hervorbringung eines nicht ganz neuen Genres, das uns bereits so unvergessliche Klassiker wie „Liebesgrüße aus der Lederhose“ bescherte.

7) Cornelia Funke: Tintenherz (Dressler Verlag, 573 Seiten, 19,90 €)
Funke gelingt es, in einem vom Recycling ausgebrannten Materials dominierten Genre etwas Neues zu schaffen. Ihre große Erzählung über Tinte und Blut, Fiktion und Wirklichkeit, Bücher und Menschen ist ein Meisterwerk der Fantasy-Literatur.

6) Donald McCaig: Rhett (Deutsch von Katharina Razum, 639 Seiten, 23 €)
Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihre Urgroßmutter aus dem Sarg holen und eine Woche auf Abenteuerurlaub mit ihr gehen. Genau diese Art von literarischer Leichenschändung betreibt Donald McCaig in seiner Fortsetzung von „Vom Winde verweht“, motiviert von der eigenen Geldgier – und der von Margaret Mitchells Erben. Eine gewisse Faszination verströmt einzig die gleisnerische Schamlosigkeit, mit der McCaig wider besseres Wissen aus dem attraktiven opportunistischen Rebellen Rhett Butler einen antirassistischen Vorkämpfer der Öko-Bewegung gemacht hat: So dreist wurde noch selten eine Romanfigur ins modische Mäntelchen des aktuellen Zeitgeists gehüllt.

5) Andrea Maria Schenkel: Tannöd (Nautilus, 128 Seiten, 12,90 €)
Die in ihrer dumpfen Archaik scheinbar der Geschichte enthobene bayrische Provinz unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg ist Schauplatz dieses schmalen, jedoch keineswegs leichtgewichtigen Kriminalromans. „Tannöd“, nach „Kalteis“ der zweite Krimi von Andrea Maria Schenkel, macht den Leser zum Ermittler, und der Reiz dieses Kaleidoskops von Gedanken, Gesprächen und Gebeten von Opfern, Zeugen und Tätern liegt mindestens so sehr im Lokal- und Zeitkolorit wie in den ewigen Fragen von Gut und Böse.

4) Milena Agus: Die Frau im Mond (Deutsch von Monika Köpfer, Hoffmann und Campe, 137 Seiten, 14,95 €)
Sardinien 1943. Eine junge Frau wird von Ihren Eltern um ein Haar für verrückt erklärt, weil sie aus ihren sexuellen Wünschen keinen Hehl macht – und weil sie darauf beharrt, dass das Allerwichtigste im Leben die Liebe ist. Mitunter nur haarscharf am Kitsch vorbei, aber intelligent, sinnlich und originell schildert die Italienerin Milena Agus das Leben einer ungewöhnlichen Frau. Weil die Autorin dabei die Augen weder vor den Wahrheiten im Bett noch vor den Wahrheiten im Kopf verschließt, deshalb ist ihr mit „Die Frau im Mond“ ein kleiner großer Roman gelungen. Eine echte Entdeckung!

3) Cornelia Funke: Tintentod (Dressler Verlag, 768 Seiten, 22 €)
Das Beste von dieser Bestsellerliste, was Sie sich in diesem Jahr unter den Baum legen können – ganz gleich, wie alt Sie sind.

2) Julia Franck: Die Mittagsfrau (S. Fischer, 432 Seiten, 19,90 €)
Julia Franck erzählt in ihrem farbigen, mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman die Geschichte einer klugen Frau aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Beginnend mit ihrer Kindheit im Schatten des Ersten Weltkriegs wird von ihrer lesbischen Schwester und vom Unfalltod ihrer großen Liebe im Berlin der zwanziger Jahre erzählt, von der absurden „Vernunftehe“ mit einem glühenden Nazi und von jenem ungeliebten Kind, das diese Frau im Frühjahr 1945 allein auf einem Bahnhof zurücklässt. Stark ist dieser Roman immer dann, wenn er ganz bei seinen Figuren bleibt und ihr Schicksal nicht den Erfordernissen einer Nachhilfelektion in den Wechselfällen deutscher Geschichte unterordnet.

1) J. K. Rowling: Harry Potter und die Heiligtümer des Todes (Deutsch von Klaus Fritz, 740 Seiten, 28 €)
Mit ihren sieben voluminösen Bänden um den langen Kampf des Zauberlehrlings Harry Potter gegen den Mörder seiner Eltern Lord Voldemort ist der Britin J.K. Rowling wahrhaft Großes gelungen: nämlich den Beweis anzutreten, dass Romane nach wie vor das kollektive Bewusstsein der Gegenwart erreichen, formen und definieren können. Weil aber im letzten Potter-Band die Handlung über Hunderte von Seiten hauptsächlich aus Schilderungen dreier klatschnasser Menschen beim Zelten in Großbritannien besteht, weil außerdem Rowling ihren Helden am Ende überraschungsarm und bieder-sonntagsschulenhaft – not with a bang but a whimper, wie der Engländer sagen würde – in die Schrecken einer Familienvaterexistenz entlässt: deshalb ist der letzte Harry Potter weniger ein Fantasy- denn vielmehr ein Horrorroman.

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