Kultur : Aufgeschlagen... Zugeschlagen

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

10) Ulla Hahn: „Aufbruch“

(DVA, 587 Seiten, 16,95 €)

Zunächst wirkt sie ja ein bisschen mufflig, diese Fortsetzung der Lebensgeschichte des rheinischen Mädchens Hilla Palm, das sich mit eisernem Bildungswillen aus den Konventionen von Armut und katholischem Kleingeist befreit. Aber das liegt an der Adenauer-Bundesrepublik zwischen Halleluja und Heidewitzka, in der Hahns autobiografischer Roman spielt. Am Ende überwiegt Respekt für das Münchhausensche Kunststück einer Frau, die sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf enger geistiger Verhältnisse gezogen hat.


9) Elke Heidenreich, Bernd Schroeder: „Alte Liebe“ (Hanser Verlag, 191 S. 19,90€)

Lore ist Bibliothekarin und liebt Martin Walser. Harry war früher beim Bauamt, liebt seinen Garten, sein Weißbier und vor allem: seine Ruhe. Dann aber will Lores und Harrys 36-jährige Tochter in dritter Ehe einen Baulöwen in Leipzig heiraten. „Wovon handeln alle Bücher?“, fragt Harry seine Lore, und die antwortet: „Von Liebe, die nicht klappt, vom Altwerden, vom Tod, von schrecklichen Kindheiten.“ Genau! Und weil „Alte Liebe“ von all dem erzählt, ist es ein guter Unterhaltungsroman.


8) Dora Heldt: „Tante Inge haut ab“ (Deutscher Taschenbuch Verlag, 339 S., 13,30 €)

In diesem sehr altmodischen Roman über Liebeswirren auf Sylt hat man das Gefühl, als feierten Heinz Rühmann, Inge Meysel und Theo Lingen fröhliche Auferstehung. Bloß vermag die kuschelige Atmosphäre nicht darüber hinwegzutäuschen, dass der starke Geruch, der aus den Seiten aufsteigt, weniger Gilb ist als Leichenmoder.


7) William Paul Young: „Die Hütte“ (Deutsch von Thomas Görden, Allegria Verlag, 301 Seiten, 16,90 €)

Von allen verlogenen Schmachtfetzen, die ich für diese Liste gelesen habe, markiert diese amerikanische Schwarte einen Gipfel an Heuchelei und Scharlatanerie. In „Die Hütte“ erklärt Gott persönlich einem Mann, dessen Tochter umgebracht wurde, warum wir in der besten aller Welten leben. So lange solche Bücher Millionenauflagen erreichen, nagt in mir der hartnäckige Verdacht, dass wir vielleicht doch in der blödesten aller Welten leben.


6) Stephenie Meyer: „Bis(s) zum Ende der Nacht“ (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 788 Seiten, 19, 90 €)

Wenn es stimmt, dass „Hund beißt Mann!“ keine Nachricht ist, „Mann beißt Hund!“ hingegen sehr wohl, dann hieße das auf das alberne Finale dieser dämlichen Saga übertragen: Literatur wäre entstanden, wenn Stephenie Meyer statt von den schwülstigen Träumen ihrer Bella, endlich von ihrem Blutsauger Edward gebissen zu werden, einfach von einem Mädchen mit Biss erzählt hätte.


5) Cecilia Ahern: „Zeit deines Lebens“ (Deutsch von Christine Strüh, Krüger Verlag, 367 Seiten, 16,95 €)

Diese Geschichte um einen Engel und einen irischen Geschäftsmann, der vor Sorge um seine Karriere und Lust auf Seitensprünge seine Pflichten als Familienvater versäumt, ist Aherns Version eines Weihnachtsmärchens – genau so kitschig, verlogen und zusammengestümpert wie bisher alles aus ihrer Feder.


4) Charlotte Link: „Das andere Kind“ (Blanvalet Verlag, 667 Seiten, 24,95 €)

Man muss nicht Engländerin sein, um englische Krimis schreiben zu können – die Amerikanerin Elizabeth George hat das vorgemacht. Diesem routiniert geschriebenen Buch über dunkle Familiengeheimnisse der deutschen Autorin Charlotte Link fehlt so viel an Lokalkolorit und geschichtlicher Erfahrung, dass hier so gar nichts riecht, schmeckt oder sonst irgendeinen sinnlichen Eindruck hinterlässt.


3) Stephenie Meyer: „Bis(s) zum Abendrot“ (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 557 Seiten, 19, 90 €)

Ein Werwolf, der es zum Leitwolf bringen will, ein Vampir mit Model-Qualitäten, ein Teenager, der keine Probleme damit hat, sich nach oben zu vögeln: so neu die Kulissen, so vertraut die Klischees dieser quälend langweiligen amerikanischen Fantasy.


2) Dan Brown: „The Lost Symbol“ (Bantam Press, 509 Seiten, 19,90 €)

Zeit mal Mysterium gleich Thrill: Nach dieser bewährten Formel konstruiert Dan Brown auch sein neues Buch und lässt seinen Symbologen Robert Langdon binnen einer langen Nacht sämtliche Geheimnisse der Freimaurer in Washington D.C. aufdecken. Der Höhepunkt der Jagd nach dem verlorenen Wort und anderen Rätseln der Königlichen Kunst stellt sich ein, als eine kleine Pyramide in einem Pastatopf so lange weichgekocht wird, bis eine Geheimschrift auftaucht. Ich habe Dan Browns neues Buch demselben Test unterworfen. Nach vorsichtigem Köcheln bei hundert Grad Celsius taucht auf dem Umschlag tatsächlich ein magisches Wort auf, das den Inhalt des neuen Brown bündig zusammenfasst: „BULLSHIT!“


1) Volker Klüpfel, Michael Kobr: „Rauhnacht“ (Piper Verlag, 362 Seiten, 17, 95 €)

Ordentlich geschrieben, unterhaltsam und sogar in Maßen selbstironisch ist er, der neue Krimi um den Allgäuer Grantler mit beschränkter Weltsicht Kriminalhauptkommissar Kluftinger. Nur haftet auch diesem wie allen Regionalkrimis ein leichtes Odium an: dieses An-SichSelbst-Besaufen unterscheidet sich wenig von Heimatabenden, Musikantenstadeln und anderen Formen der Onanie.

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