Kultur : Aufgewacht

Mehr Qualität: Berlins Kunstmesse Art Forum verkleinert sich und läutet den Kunstherbst ein

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Wenn Tanja Wagner heute ihre neuen Räume eröffnet, sind ihr gleich zwei Dinge geglückt. Sie hat aus einem verbauten Ladenlokal in der Pohlstraße in kurzer Zeit einen ansehnlichen Ausstellungsraum gemacht. Und sie nimmt am Berliner Art Forum teil, das in knapp zwei Wochen zum 15. Mal stattfindet: als erste Galerie, die zum Zeitpunkt ihrer Einladung weder Räume noch ein festes Programm vorweisen konnte. Das sind gleich zwei Verstöße gegen das Reglement.

Der große Vertrauensvorschuss gründet zum einen in der Biografie der jungen Galeristin, die lange bei Max Hetzler gearbeitet hat. Er steht aber auch für eine neue Strategie der Kunstmesse: Ihre Organisatoren Eva-Maria Häusler und Peter Vetsch haben einen Teil der Zuständigkeiten abgegeben. Die 13 jungen Galerien aus dem Sektor focus dürfen nun selbst je eine Galerie einladen. Bei Wagner war es die PSM Galerie, die die Bereitschaft zum Experiment bis an die Grenze trieb. Häusler und Vetsch haben nachgegeben. Umso stärker müssen sie an anderer Stelle wirken, denn Berlin hat es diesmal besonders schwer.

So finden die Kunstmessen Frieze in London und die Pariser Fiac kurz nach dem Berliner Ereignis statt. Die Folgen dieser Konzentration sind sichtbar: Wichtige Galerien wie Sprüth Magers, Max Hetzler, Kicken oder Ropac verzichten auf ihre Teilnahme am Art Forum. Andere wie Contemporary Fine Art, Grässlin und Carlier Gebauer halten ihm hingegen die Treue. Das ist gut für die beiden Messemacher, die vergangenes Jahr gestartet sind und sich nun am Auftakt messen lassen müssen. Absagen wiegen da schwer, und so freut es Häusler sichtlich, mit der Galerie Lambert aus Paris oder Leo Koenig aus New York internationale Neuzugänge vermelden zu können. Nach wie vor bemisst sich die Qualität einer Messe an den Distanzen, die Galeristen zu überwinden bereit sind, um Kunst in den Kojen zu installieren. In Berlin wird überdies genau beobachtet, wie groß das Engagement der hiesigen Galerien ist.

Mit der artberlincontemporary (abc) hat Berlins Kunstmesse inzwischen einen starken Partner. Dass er sich aus eben jenen Galeristen rekrutiert, die in der Vergangenheit unzufrieden mit dem Art Forum waren, merkt man nicht mehr. Im Gegenteil: Das wandernde Großprojekt, das sich als „experimentelles Format zwischen Ausstellung und Galerie-Event“ begreift, findet in diesem Jahr ebenfalls auf dem Messegelände statt. Im frisch renovierten Marshall-Haus, das über ein kleines Kino verfügt und damit geradezu prädestiniert für das diesjährige Thema ist: „Light Camera Action“. Die Ausstellung widmet sich Positionen etwa von Katharina Sieverding, Astrid Klein, Marcel Odenbach oder Wolfgang Tillmans, die das Filmische reflektieren. Das Programm reicht von klassischen Projektionen, Videos und Installationen bis hin zu Collagen, Fotografie, Lichtskulpturen und Performances. Kuratiert wird es von Marc Glöde, der seit 2008 für das Filmprogramm der Art Basel zuständig ist.

Von der Nähe profitiert das Art Forum auch deshalb, weil sich die Messe selbst zu einem radikalen Schnitt entschieden hat: Statt zu wachsen, was immer nach erfolgreicher Entwicklung aussieht, verkleinert sie das Angebot in diesem Jahr. Um alle Teilnehmer in den schönen, zentralen Emisch-Hallen unterzubringen, wie Vetsch betont. Vergangenes Jahr habe es vor allem aus dem Sektor focus Kritik gegeben, weil die jungen Galerien nicht länger als Appendix im separaten Raum ausstellen wollen. Und so ist das Angebot um 30 Kojen auf knapp 100 Galerien geschrumpft.

In Berlin ist das erst einmal schwer zu begreifen, weil die Masse an Galerien in der Stadt das Art Forum ohnehin locker überragt. Andererseits beeindruckt die Konsequenz, mit der die Messe im historischen Ambiente ästhetisch zusammengefasst wird. Statt nach einem ausufernden Marktplatz zu streben, konzipieren Häusler und Vetsch ein Gesamtbild, in dem die jungen Galerien und ihre (teils noch wenig etablierte Kollegen) internationalen Sammlern zeigen, welches Potenzial in der Kunstszene nachwächst. Den Kontrapunkt bilden jene Galeristen, die mit Imi Knoebel, Peter Weibel oder Douglas Gordon Einzelpräsentationen zeigen oder ihren Stand mit Arbeiten der sechziger bis achtziger Jahre bestücken.

Ausnahmslos jung geht es auf den parallelen Messen zu. Die Preview findet wie im Vorjahr im ehemaligen Flughafen Tempelhof statt. Sie überrascht mit einer szenischen Gestaltung durch Studenten der Bühnenbild-Klasse an der TU Berlin und setzt unter anderem mit der Galerija Marisall (Zagreb), Mâkslaxo (Riga) oder der KrokusGallery (Bratislava) auf Kunst aus Osteuropa – was dem Art Forum als Akzent fehlt. Die Berliner Liste hat mit der alten Münze in Mitte einen neuen Ort gewonnen und stell rund 100 internationale Galerien, Projekträume, Künstlergruppen aus. Komplett wird das Satellitenprogramm dank des 7. Berliner Kunstsalons in den alten Friedrichshainer Schlachthöfen. Im großen Saal ohne separate Kojen präsentieren sich rund 80 Maler, Bildhauer, Galerien und Projekte.

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