Aufhören : Erste Zigaretten, letzte Einsichten

Exorzismus aus Bejahung: Gregor Hens blickt auf ein halbes Leben als Raucher zurück - und schreibt ein Buch über die Zigarette, die Bedeutung stiftet, obwohl sie selbst gar nichts bedeutet.

Michael Adrian
Kann man’s nicht fast hören? Der Schauspieler Fredric March atmet aus (1940).
Kann man’s nicht fast hören? Der Schauspieler Fredric March atmet aus (1940).Foto: akg-images

Gibt es denn über das Rauchen noch etwas zu sagen? Mit ihren prohibitionistischen Fantasien hat eine hysteriebereite Mittelschicht die unaufklärbar weiterqualmende Unterschicht in die hintersten Winkel von Bierkaschemmen getrieben, in die sie im Leben keinen Fuß setzen würde. Die Ikonen des Rauchens als souverän-erotischer Akt der Selbstbefreiung sind hierzulande längst vom unverblümt öffentlichen Gequalme eines Altkanzlers abgelöst worden. Kurz, die existentialistisch positive Aufladung des blauen Dunstes ist kulturell abgeräumt. Statt des übersinnlichen Geschmacks von unangepasster Subjektivität, den die Antlitze von Marlon Brando oder Marlene Dietrich einmal versprachen, stehen heute die gläsernen Isolierkäfige in den Flughäfen für das Bildnis des Rauchens – Mahnmal und stinkendes Reservat zugleich für die letzten Mohikaner des tödlichen Genießens.

Wer jetzt noch raucht oder mit dem Rauchen aufhört ist spät dran. Der Schriftsteller und in Amerika lehrende Germanist Gregor Hens aber hat genau das getan: ein halbes Leben lang geraucht, damit – vorläufig endgültig – aufgehört und ein Buch über das Rauchen und das Aufhören geschrieben. „Nikotin“ setzt ein mit einem Paukenschlag und lässt in diesem zugleich ein Schlüsselmotiv anklingen: „Ich habe weit über hunderttausend Zigaretten in meinem Leben geraucht, und jede dieser Zigaretten hat mir etwas bedeutet.“

Hens denkt nicht daran, seinen Entzug auf die Dimension einer endlich überwundenen Sucht zu reduzieren. Vielmehr unterschreibt er, was Cristina Peri Rossi in ihrem Essay „Die Zigarette. Leben mit einer verführerischen Geliebten“ (Berenberg) einmal so auf den Punkt brachte: „Nichts bringt mich mehr auf die Palme als ein reumütiger Süchtiger.“ Bei Hens lautet die Formel: „Jede Zigarette, die ich geraucht habe, war eine gute Zigarette.“ Wie kann einer das sagen, aus dem Experiment heraus, mit dem Rauchen aufzuhören und gleichzeitig über sein Leben als Raucher zu schreiben, das heißt das Rauchen unentwegt zu thematisieren?

Was folgt, ist ein einziger Versuch, dem Leben mit Zigarette nachzuspüren, der verblüffenden Vielfalt von Situationen, Gefühlen, Krisen, Glücksmomenten. Vor allem aber ist es der Versuch, die Bedeutung der Zigarette im Leben des Rauchers zu verstehen, die Bedeutung von etwas, das „Zeichen, Medikament, Aufputsch- oder Beruhigungsmittel, Spielzeug, Accessoire, Fetisch, Pausenfüller, Erinnerungsstütze, Kommunikationsinstrument oder Meditationsobjekt“ war. So durchmisst der Erzähler eine Biografie, an deren Anfang zwei stark rauchende Eltern stehen, die sich bei geschlossenen Fenstern im Auto bedenkenlos eine nach der anderen anstecken. Bleich vor Übelkeit, aber auch merkwürdig erregt, treffen die Kinder am Fahrtziel ein. Der Vater, ein selbstständiger Brandsachverständiger mit Büro im Erdgeschoss, qualmt die längste Zeit über so stark, dass die in die Wohnung hochziehenden Schwaden dem Jungen die Vorstellung vermitteln, im Rauchen bestünde die eigentliche Arbeit des Vaters.

Intensive Bilder sind es, die Hens’ Zigarettenerinnerungsarbeit ans Licht bringt. Als das intensivste erscheint ihm jenes Kindheitserlebnis, als er erstmals an einer Zigarette zieht: Seine Mutter hat sie ihm gegeben, um Silvesterraketen zu zünden, und da steht sie nun in ihrem Pelzmantel, und erklärt dem Fünf- oder Sechsjährigen: Du musst daran ziehen!

Der Junge zieht und erleidet einen fürchterlichen Hustenanfall, man klopft ihm auf den Rücken, er kommt wieder zu sich – „vielleicht, so denke ich heute, kam ich überhaupt zum ersten Mal richtig zu mir“. Der Nikotinrausch wird für den Erzähler das „erste Aus-mir-Heraustreten“ und ein Eintritt ins Leben zugleich.

Da ist es wieder, das Schlüsselmotiv seiner Reflexionen, die Zigarette, die Bedeutung stiftet, obwohl sie selbst gar nichts bedeutet: die Zigarette als Signifikant, als leere Zeichenkette, die die Welt des rauchenden Ichs in ihren Dunstkreis zieht und die Dinge überhaupt erst fühlbar werden lässt. Hens entwirft eine regelrechte Poetik des Nikotinschubs, die beide Register des Rauchens zugleich zieht: das Biochemische des Nervengifts, das erhöhte Aufmerksamkeit und Assoziationsfähigkeit mit sich bringt. Und jenes schwach glimmend Transzendentale, das mit der intensiven Erfahrung von Leben erinner- und erzählbare Lebensbilder vor den Rauchenden hinstellt, ja diesen in sie hineinstellt.

In seinem geschmeidig zwischen Erzählung und Reflexion, Kindheitserinnerungen und Entzugsversuchen des Erwachsenen, bundesrepublikanischer Biografie und amerikanischen Reisen wechselnden Text gelingen Hens eindringliche Szenen. Gegen den Oberfumisten der literarischen Moderne, Italo Svevos Raucherhelden Zeno Cosini, zelebriert er nicht die letzte Zigarette vor dem Aufhören, die sich so gern in eine Kette allerletzter letzter Zigaretten verwandelt. Nein, sein goldener Moment ist immer wieder der erste Zug: das Fastenbrechen.

So raucht der 18-jährige nach einigen Wochen der Enthaltung eine erste Zigarette am Baggersee und begreift im Rausch des Rückfalls, dass „mein Abstinenzversuch eine Art Investition war, die mir nun fünf- oder zehnfach zurückgezahlt wurde.“ Am Morgen darauf folgt, nach durchzechter Partynacht, statt des ersehnten Kusses von der unerreichbaren Geliebten ein Zug an der Zigarette, die sie am Bett von ihrem Mund zu seinem führt – ein Kuss aus Rauch.

Alles scheint in diesem Buch für die Verschlingung von Freiheit, Eros, Leben und Rauchen zu sprechen; ob es das rebellische Rauchen in einem katholischen Internat ist, oder jener Moment nach einem Fahrradunfall, als der Autor in einem Krankenhausflur wieder zu Bewusstsein kommt: Auf einer Glastür liest er das Wort „Reanimation“ – spiegelverkehrt. Kaum wieder zittrig auf den Beinen, schleppt er sich in Jogginghose und Pantoffeln in eine Bar, um nach acht Jahren des Nichtrauchens ein Päckchen Marlboro zu kaufen, einen ersten Zug zu nehmen, zu weinen vor Glück. „Ich hatte die Pforte des Todes gesehen, und zwar von der anderen Seite. Aber ich war wieder da. To be alive, honey. Alive, honey.“

Wie aber wird jemand, der sich selbst als Raucherpersönlichkeit bezeichnet, ernsthaft zu jenem Nichtraucher, als der Hens zumindest die letzten Kapitel geschrieben hat, aus der „Siegerperspektive“? Zwar gibt der Autor in einer Nachbemerkung Hinweise, die von Moshe Feldenkrais ausgehen und auf die Bewusstmachung, Beobachtung und Veränderung eigener Verhaltensmuster zielen, aber letztlich ist es am Leser, sich diese Frage zu beantworten. Sagen wir also, dieser Raucher hat sein Signifikantensystem gewechselt: Das Versprechen auf Welterschließung ist weitergewandert; Lebensbejahung und Freiheitsgefühl liegen jetzt in der Entdeckung von etwas Neuem, im ambitioniert betriebenen Sport, im körperlichen Selbstgefühl. Dafür, so scheint es, musste die Welt des Rauchens erst schreibend ausgeschritten werden. Damit wäre Gregor Hens Erstaunliches gelungen: ein Exorzismus aus Bejahung.

Gregor Hens: Nikotin. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2011. 190 S., 17,95 €.

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