Kultur : Aufrecht im Lehnstuhl

ALBRECHT DÜMLING

Der rumänische Pianist Radu Lupu im KammermusiksaalVON ALBRECHT DÜMLINGEs gibt Abbildungen, auf denen Johannes Brahms behaglich zurückgelehnt Klavier spielt.Radu Lupu, der dem Hamburger Meister schon in seiner Barttracht ähnelt, kultiviert diese Sitzhaltung, indem er den üblichen Klavierhocker durch einen Lehnstuhl ersetzt.Es ist der Gestus des Poeten, der von fernen Zeiten erzählt.Während sich bei früheren Auftritten des Rumänen diese distanzierte Behaglichkeit manchmal in unbeteiligte Nachlässigkeit verwandelte, hatte Lupu an diesem Abend im Kammermusiksaal seine Haltung unter Kontrolle.Auf dem Programm standen allerdings auch Werke, die kein entspanntes Zurücklehnen zuließen. Bei Beethovens D-Dur-Sonate op.28 konnte der Pianist die Brahms-Attitüde noch ungehindert auskosten.Trotz drängender Crescendi in der Durchführung tritt in dieser "Pastorale" Stimmungseinheit an die Stelle von Themendualismus.Im Andante wurden deshalb auch die Staccato-Bässe in den Legatofluß der Oberstimme integriert.Die Coda war im freien Tempo als eine dramatische Szene mit Rezitativ gestaltet.Das dynamisch schön differenzierte Finale begann Lupu filigran im piano, bevor er mächtige Steigerungspartien und spielerische Abschnitte nebeneinandersetzte. Mit seiner Sonate "1.10.1905 - Von der Straße", der Erinnerung an eine politische Demonstration, wollte Leos Janácek Hörer wie Spieler aufrütteln.Obwohl Lupu auch hier seine abgeklärte Haltung beibehielt, wurden doch beide Sätze zu eindrucksvollen Meditationen.Besonders gilt dies für den Trauermarsch "Der Tod", der sich zu Verzweiflungsschreien zuspitzte und schließlich in deklamierende Einstimmigkeit zurücksank. Daß danach "Im Freien" von Béla Bartók folgte, war fast eine Sensation, hatten doch weder der Pianist noch sein Berliner Konzertveranstalter bislang eine Vorliebe für die Musik dieses Jahrhunderts erkennen lassen.Mit diesem 1926 entstandenen Werk trat Lupu tatsächlich aus seiner Reserve heraus, indem er plötzlich die Sitzposition veränderte.Aufrecht sitzend spielte er die Perkussionswirkungen der "Trommeln und Pfeifen", die in sich kreisende "Barcarolla" wie auch die phantastischen "Klänge der Nacht" mit ihrem Nebeneinander von geheimnisvollen Clustern und aufgeschreckten Vogelrufen.Obwohl er bei der "Hetzjagd" nicht die Wildheit eines Pollini erreichte, verdient sein Durchbruch zu neuen Programmkonzeptionen doch alle Anerkennung. Beethovens c-Moll-Sonate op.111 vereint höchste Dramatik mit pastoraler Ruhe.Trotz aufrechter Sitzposition stieß Lupu nicht bis zu den Extremen des Ausdrucks vor.Im Allegro con brio ed appassionato meißelte er das Oktaventhema zwar wuchtig heraus.Aber auch in der Fortsetzung erzielte er Feuer mehr durch Akzente als durch Tempo.Während man der Wiedergabe des Kopfsatzes mit seinen ausgiebig gedehnten Schlußverzögerungen nicht ganz zustimmen mochte, entwickelte sich die sehr ruhig, naiv und unbeschwert gespielte Arietta wie aus einem Guß, mit glockenhaftem Diskant und herrlichen Trillerketten zum Schluß.

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