Kultur : Aufreißen statt abreißen

Wie Geschenkpapier den Verfall Westberliner Wahrzeichen aufhalten will

Bodo Mrozek

Die Frage, warum wir Geschenke machen, ist eines der großen Rätsel unserer Kultur. Viele Theoretiker haben sich an Erklärungen versucht. Schenken wir, weil wir damit an die archaische Ökonomie der Zeit des Tauschhandels erinnern, wie sie heute noch in primitiven Kulturen überlebt hat (Marcel Mauss)? Hat das Geschenk seinen Ursprung im Opfer, mit dem man die Götter gewogen machen wollte (Jacques Derrida)? Wollen wir uns selbst geben (Heidegger)? Ist das Schenken Ausdruck der Barmherzigkeit (St. Martin) oder geht es auf Clementia, die Göttin der Vergebung zurück?

Fest steht, dass wir schenken und dies meist viel und gerne tun („Weihnachtsgeschäft“). Schließlich werden wir ja umgekehrt auch beschenkt. Damit die Sache eine gewisse Spannung erhält, packen wir ein. Und da beginnt das Problem. Umfragen zufolge sind 70 Prozent der Deutschen noch am Heiligen Abend mit Schere, Klebefilm und Bändchen beschäftigt. Man kennt das: Auf den Knien liegend, müht man sich mit origamiartigen Falttechniken und gordischen Knoten. Am Ende greift man entnervt zum Powerkleber: Hauptsache, es hält. Der Verpackung wird dabei nicht immer die Würdigung zuteil, die ihr gebührt. Denn ebenso wichtig wie der Inhalt ist das angemessene Geschenkpapier. Es kann eher belanglose Präsente wie die berüchtigten Socken zum wahren Kunstwerk aufwerten.

Dieses Problem erkannten Sandra Siewert und Dirk Berger, zwei ausgebildete Architekten. In Kunst und Architektur sei die Oberfläche eben so wichtig wie die Statik. Zudem sind die 1972 und 1966 geborenen Gestalter leidenschaftliche Spaziergänger, meist haben sie eine Kamera dabei. Die Ergebnisse ihrer Entdeckungen setzen sie seit einigen Jahren in Produkte um. So entstand eine Kollektion von Kissen, die bedrohte Fassaden, etwa die Ornamentik der Kaufhof-Fassade vom Alexanderplatz oder des bereits abgerissenen Ahornblattes abbilden. Auf Beuteln verewigten sie Kaufhaus-Motive und variierten das Wort Beute („fette Beutel“).

Als die Ostberliner aber den Westen erkundeten, erschraken sie. „Uns fiel auf, dass die alte City (West) völlig vernachlässigt wird.“ Während die Baudenkmäler der DDR derzeit eine ungeahnte Popularität erfahren, beachtet kaum jemand einstmals so wichtige Wahrzeichen wie den Steglitzer Bierpinsel, den „langen Lulatsch“ oder die Interconti-Fassade. Der Fernsehturm vom Alex ziert dagegen jede dritte T-Shirt-Brust der in BerlinMitte wohnenden Studenten – woran das von Siewert und Berger herausgegebene Buch über den Turm nicht ganz unschuldig ist. Insofern ist das aktuelle Projekt der beiden Designer eine Art Wiedergutmachung am alten Westberlin.

Nach sorgfältiger Recherche entstand die Geschenkpapier-Kollektion „Berlin Eingepackt“, die mehr darstellt als nur hübsches Verpackungsmaterial. Die vier Bögen sind ein sorgsam erstelltes Kaleidoskop der Berliner Architekturgeschichte; jeder von ihnen (40 mal 30 cm) widmet sich einem Jahrzehnt. So erscheinen die Fünfzigerjahre in den zeittypischen Farbtönen Hellbraun und Altrosa, der Optimismus jener Ära sticht durch heckflossenartige Zierelemente heraus. Darauf sind das Bilka-Kaufhaus (heute Karstadt Sport), das elegante Interconti und das Uraufführungs- und Berlinale-Kino Zoo-Palast erkennbar. Die Sechziger sind in Jeansblau grundiert und zeigen eine stützstrumpffarbene Ornamentik. Darauf sind, klar und geradlinig, die Fassaden der Deutschen Oper, des SFB-Sendehauses und des Europa-Centers erkennbar. Beim Papier der Siebziger wiederum verschwimmen die kontrastreichen Schwarzweiß-Linien von ICC, Bierpinsel und Flughafen Tegel zum Op-Art-inspirierten Muster. Grell bunte Pastellfarben zeichnen die Achtzigerjahre aus: Hübsch angeordnete Elemente von IBA-Wohnbauten symbolisieren den Rückzug ins Private.

Das Etikett der Kollektion, die man mittlerweile auch in Tokio und New York kaufen kann, ziert ein Foto mit dem schön geschwungenen Schriftzug eines Altersheims: „Ruhesitz am Zoo“ – auf dass die bedrohten Gebäude nicht im Schatten des Aufbaus Ost verkümmern. Was man darin verpackt, ist eigentlich gleichgültig. Die kleine Architekturgeschichte des Berliner Westens ist präsent genug.

Erhältlich im Bücherbogen am Savignyplatz, Hugendubel am Ku’Damm, Kulturkaufhaus Dussmann sowie bei Merz (Lychener Str. 5).

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