Kultur : Aufrüstung im Paradies

Das Inselreich Indonesiens ist die größte muslimischen Nation – geprägt von einer Vielfalt der Traditionen. Aber kann diese Kultur der Toleranz nach dem Attentat von Bali überleben? Ein Besuch auf dem indonesischen Archipel

Hans-Georg Knopp

„Eintritt verboten für Polizei und Intellektuelle“, steht auf dem Schild vor der Schule. Hier unterrichtete Mohamed Bashir, der wegen des Bombenattentats auf Bali angeklagt ist. Ansonsten sieht die Gegend in Solo, der Stadt, die mit Yogyakarta das Zentrum javanischer Kultur bildet, eher unauffällig aus. Kleine Häuser, nicht gerade arm, nicht wohlhabend. Mittelstand. Dem Besucher aus dem Westen drängen sich Fragen auf. Hat sich das Bild vom unschuldigen Paradies Bali mit den Bildern überholt, die wir inzwischen von dort gesehen haben?

Besuch bei Sardono Kusumo, einem der wichtigsten Choreografen und Tänzer Indonesiens. Er stammt aus Solo auf der Insel Java und lebt wieder dort; in seinem Tanzzentrum dokumentieren Bilder und Karten die Entwicklung der Stadt in den letzten 200 Jahren. Er will mit einer neuen Produktion der Frage nachgehen, wie die Menschen hier zu einer Gemeinschaft gefunden haben, was sie zusammenhielt in der Auseinandersetzung mit den holländischen Kolonialherren, bei der Suche nach ihrer lokalen Identität.

Diese Suche unterscheidet sich deutlich vom Aufbau einer abstrakten, nationalen Identität, wie sie unter Präsident Suharto versucht wurde. Einheit in der Vielfalt war dessen Motto für eine zumeist javanische Kolonisierung; im Westen bewunderte man den Aufbau der Nation unter dem Stichwort „Nationbuilding“. Der Umsturz liegt erst fünf Jahre zurück. Solo brannte damals, und die Epoche Suhartos erscheint jetzt wie ein schwerer Alptraum.

Die Ursachen der politischen Unruhen in den letzten Jahren sind größtenteils in der Zeit Suhartos zu suchen. Oppositionelle wurden massiv verfolgt, das autoritäre Regime unterdrückte alle freien Meinungsäußerungen, die Armee war williger und bereitwilliger Vollstrecker der Gewaltakte. Oder, wie Sardono sagt: „Selbst der kleinste Konflikt wurde radikal niedergeschlagen, deshalb haben wir jetzt den großen Konflikt.“ Eine Gesellschaft brauche den kleinen Konflikt, die offene Auseinandersetzung, um zu einem demokratischen und liberalen Gemeinwesen heranzuwachsen.

Auch die muslimischen Gruppierungen wurden in Suhartos politisch-strategischem Spiel unterdrückt und benutzt. Die schrecklichen Umstände, unter denen der Diktator – übrigens mit tatkräftiger Unterstützung der CIA – an die Macht kam, sind nicht vergessen. Sardono fürchtet, dass es zu einem erneuten Brand der Stadt Solo kommen könnte, wenn der Druck zu groß wird, von welcher radikalen Gruppierung auch immer. Bereits elfmal in ihrer Geschichte hat die Stadt gebrannt. Wer die Brände jeweils legte und die anschließenden Aufstände schürte, bieb Spekulation. Aber jeder Brand wurde wahrgenommen wie eine radikale Erneuerung, wie der Versuch, sich aus einer unerträglichen Lage zu befreien. Jetzt muss etwas dafür getan werden, dass die Gesellschaft einen neuen inneren Zusammenhalt findet. Sardono beispielsweise hat Führer der moslemischen und der chinesischen Gemeinde nach den Ausschreitungen 1998 für eine öffentliche Diskussion zusammengebracht.

Java war nie ein Land des radikalen Islams. Javanische Kultur integrierte immer verschiedenste Einflüsse, aus dem Hinduismus, dem Buddhismus, dem Islam und der so genannten Naturmystik. Der indonesische Islam ist nicht einheitlich und deshalb von tiefer Toleranz geprägt. Aber längst gibt es gegenläufige Entwicklungen.

Kaum jemand in Solo kannte Mohamed Bashir. Aber viele beobachteten die paramilitärischen Übungen der nun aufgelösten „Laskar Jihad“, der radikalen islamischen Armee, die vorwiegend aus den Armengebieten rekrutiert wurde und etwa auf den Molukken gegen die Christen kämpfen sollte. Man fragt sich, wie das überhaupt geschehen konnte unter den Augen einer einst so starken Zentralmacht. Die Muslime selbst wurden in der Zeit der Kolonialherrschaft verfolgt und ebenso unter Suharto. Der Islam war nie die Religion der Oberklasse, sondern mit der Forderung der armen Bauern nach sozialer Gerechtigkeit verbunden. Und er stand gegen jede Art von Korruption, einem der Grundübel der indonesischen Gesellschaft.

Wenn jetzt der Hijab oder Jilbab, wie das Kopftuch genannt wird, deutlich sichtbar getragen wird, wenn jetzt der muslimische Glaube öffentlich vertreten wird, ist dies zunächst nur eine natürliche Folge der einstigen Unterdrückung. Religion wird zum Ausdruck der Individualität und Identität.

Die radikalen Gruppierungen Indonesiens sind klein, wenngleich sie mittlerweile sichtbaren Einfluss auf das öffentliche Leben und den Alltag der Muslime gewonnen haben. So spricht der Dekan der Psychologischen Fakultät der Mohammadiya-Universität in Solo – die Mohammadiya gehört neben der Nahdlatul Ulama zu den beiden großen moslemischen Gruppierungen – auf der einen Seite von der Toleranz als islamischer Grundüberzeugung. Gleichzeitig fordert er, dass staatliche Gesetze das Wirken radikaler Gruppierungen einschränken müssen. Der Staat müsse über der Religion stehen. Wie viele andere fordert auch er das Ende des Schweigens. Auf der anderen Seite hat er Angst, offen gegen die Paramilitärs Stellung zu beziehen. Angst: Gegen Ende unseres Gesprächs taucht das Wort immer häufiger auf.

Gewiss spielen auch äußere Einflüsse bei dieser Entwicklung eine Rolle. Auffällig ist jedenfalls, dass etwa die alte javanische Form der Moschee mit einem abgestuften, viereckigen Dach neuerdings oft ersetzt wurde durch die arabisch-osmanische Kuppelmoschee. Manche wollen darin den Einfluss derer erkennen, die das Geld zum Bau der Moscheen gaben. Mohamed Goenawan, Gründer und langjähriger Herausgeber von „Tempo“, der wichtigsten politischen Wochenzeitschrift Indonesiens, hält das für weniger bedenklich als die Tatsache, dass der Religionsattaché der arabischen Botschaft in Jakarta nicht dem Außenministerium, sondern den Ulamas, den Geistlichen in Saudi Arabien untersteht.

Hinzu kommt, dass sich immer mehr arabische Begriffe durchsetzen. Am Telefon wird man selbstverständlich mit „Salam Alaikum“ begrüßt – früher hieß es „Selamat Pagi – Guten Morgen“. Die Gruppierung Jamah Islamiyah kämpft für einen islamischen Staat, der Australien einschließt. Und die Künstlerin Yani Arahmaiani, die im Sommer dieses Jahres mit einer Ausstellung nach Berlin kommen wird, erhielt Morddrohungen wegen einer Installation, für die sie neben dem Koran Kondome verwendete. (Als sie für eine ähnliche Arbeit in New York die Bibel mit einer Cola-Flasche kombinierte, wurde diese dort ebenfalls nicht gezeigt.)

Widersprüche, sagt Mohamed Goenawan, sind notwendig für die demokratische Entwicklung. Die Frage ist dabei nur, ob und wann die Kräfte zu stark werden, die eine durch Konsens zusammengehaltene Gesellschaft auseinander sprengen. Offensichtlich hat es bisher an deutlichen Fürsprechern eines liberalen und offenen Islam gefehlt, ebenso an Brücken, die die verschiedenen Kulturen Indonesiens miteinander verbinden. Denn Indonesien ist ein Land vieler Kulturen, die erst durch die Kolonialisierung zu einem Staat zusammengefügt wurden. Selbst benachbarte Gebiete wie Java und Bali waren lange einander fremd: Als Sardono, der javanische Tänzer, 1972 erstmals in Bali auftrat, gab es dort öffentliche Proteste.

Heute versuchen Menschen wie der Musikethnologe Endo Suanda oder der javanitische Jesuit Sindhunata solche Brücken zu bauen. So arbeitet Endo an einem Curriculum für Schulen, in dem moslemische Kinder mit der javanischen Kultur, mit Tanz, Musik und Schattenspiel vertraut gemacht werden sollen. Die Initiative, sagt er, kam von den Muslimen der Muhammadiya selbst. Man erkannte, dass man sich von der einheimischen Kultur und damit von den Menschen entfernt, wenn man sich ihren Traditionen verschließt. Sindhunata gibt mit der Vereinigung der islamischen Hochschulen die Zeitschrift „Basis“ heraus; ein Diskussionsforum für Christen und Moslems. Die Zeitschrift organisiert außerdem einen jährlichen Kongress, den der Bischof von Semarang mit dem Vorsitzenden der Muhammadiya leitet.

Dialog zwischen den Kulturen: Hier in Indonesien ist das kein bloßes Schlagwort, sondern überlebenswichtig. Vom Westen, von Europa werde dieses Gespräch zu wenig wahrgenommen, ebenso wenig wie die Vielfalt der indonesischen Kultur – so schrieb die „Jakarta Post“ kürzlich in einem Leitartikel. Man wünscht, das der Westen sich auch selbst an diesem Dialog beteiligt. Andernfalls besteht die Gefahr, dass weiter nur Klischees wahrgenommen werden. Wie das simple Bild von Bali als dem letzten Paradies, als der sanften Insel der Götter.

Der Autor ist Generalsekretär des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin.

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