Kultur : Aufrufe und Nachrufe

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MUSIKZIMMER

Diedrich Diederichsen trauert

um Barry White

Bevor wir uns an versunkene Stimmungen erinnern, eine Empörung: Wer allen Ernstes die „Fuck Parade“ verbieten oder verhindern will, gehört… Ich will Ihnen gar nicht zumuten, was ich mir da ausmale.

Also: 1973 besuchte ich das erste Mal eine Discothek, das legendäre Hamburger „Mad House“. Die Musik, die hier lief, hätte ich im normalen Leben nicht mit der Kohlenzange in den QuelleCassettenrecorder geschoben. Streichorchester galten in meinen Kreisen als „kommerziell“, Soul Musik war „angepasst“. So blöd war man damals. Bald legte ich aber, verwirrt von all den Violinen, all diese Attitudes einer Blues-Type ab und begeisterte mich etwa für den psychedelischen Soul der Temptations, der Friends of Distinction (was für ein Name!) oder der Undisputed Truth (genau!) – und das lief hier andauernd. Die hysterisch jubilierenden Phillysound-Produktionen empfand ich als leckere Energy-Cocktails, aber am rätselhaftesten und auch ein bisschen unheimlich waren die Produktionen von Barry White. Da gab es einmal das „Love Theme“ des Love Unlimited Orchestras: da wurde Philly ausgephilliet. Noch höhere Höhen und noch zuckrigerer Sex- und Befreiungsjubel. Dann gab es die Vocal-Group Love Unlimited, Barrys Antwort auf die Philly-Gruppe The Three Degrees. Die ihrerseits Phillys Antwort auf die Supremes waren. Man arbeitete damals eben noch wirklich an den immer gleichen Produkten, die man stets ein wenig verbesserte, nicht an blöder Originalität. Love Unlimited sangen „Under The Influence of Love“ und das spitzte die schon vom „Love Theme“ aufgeworfene Frage zu, was hier eigentlich mit Love gemeint war – die auch für Barrys weiteres Werk entscheidend bleibt.

Dichte, feuchte, irre Energie

Später wurde Barry White wegen seiner eigenen, über die Maßen tiefen und meist im Rezitativ eingesetzten Stimme als die eher etwas vulgäre Version der auch in dieser Kolumne schon analysierten Gattung „Schlafzimmersoul“ verstanden, als eine Art akustischer Moschus. Das tut aber seiner als Produzent wie als Interpret in gleicher Weise verfolgten Obsession „Love“ Unrecht. „Love“ ist nicht einfach Sex, aber auch nicht Liebe – also eine Beziehung zwischen Menschen, eine Leidenschaft gar, nein „Love“ ist nichts derart Wichtiges oder Großes. Aber auch nicht nur vulgäres Gewerke an der Libido. „Love“ war damals, 1973 im „Mad House“, eher so etwas wie eine Droge, eine Stimmung – allerdings eine sehr dicht und feucht in der Luft hängende. Eigentlich die ideale, die maximale Leistung, die man von Club-Musik verlangen kann: einen Raum verwandeln und mit einer Wolke unklarer Rauschbereitschaft füllen. Barry Whites Geigen drangen in jede Ecke wie ein unsichtbares Spray, aber „Love“ war anders als wenige Jahre zuvor keine Utopie eines anderen Lebens, sondern nur eine kurzfristige heftige Aufladung der Luft mit irrer Energie. Wie ein Gewitterwetter vor dem Einsetzen von Blitz und Donner.

Der Mann war eine Droge

Die später einsetzende Barry-White-Rezeption orientierte sich dann nur noch an der etwas unförmigen Erotik eines Mannes, der wusste, wie man neurotischen Rechtsanwälten ihr Selbstbewusstsein reparierte. Barry White als afroamerikanisches Heilmittel: das war dann in „Ally Mac Beal“, wo er den Männern half, aus der Unisex-Toilette heraus wieder in traditionelle Selbstverständnisse zurückzuschlüpfen. Immer, wenn es emotional eng wurde, ob in der Liebe, im Beruf oder in Sinnfragen, musste gute alte afroamerikanische Spiritualität helfen – eine natürlich äußerst fragwürdige Praxis der beliebten Fernsehserie, die allerdings bei Barry Whites Eingriffen immer besonders komisch war. Denn wenn Kanzleibesitzer John Cage nichts mehr konnte, versprühte ein herbeigerufener Barry White sein spirituell-erotisches Fluidum, so billig und mundsprayartig und doch so nachvollziehbar mächtig und gewaltig, dass kein Zweifel bleiben konnte: der Mann war eine gefährliche illegale Droge. Leute, die Drogen nicht benutzen, um auszusteigen oder ihr Bewusstsein zu erweitern, sondern nur um ihre ganz normalen Lebensgeister zu steigern oder zu reparieren, sind heutzutage sehr unbeliebt. Sie müssen auf schwergewichtige Sänger zurückgreifen. „Love“ – eine höchst prekäre Substanz.

Damit wären wir wieder bei der gleichnamigen Parade. Beziehungsweise bei der anderen, der mit dem direkteren Namen. Ceterum censeo: Wer diese verbieten oder verhindern will, soll in einem ganz seichten Tümpel bei 13 Grad Celsius ersäuft werden.

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