Kultur : Aufruhr der Seele

SUSANNE GRIESHABER

"Surréalisme" steht auf dem Gemälde des Schweizer Malers Louis Soutter geschrieben, auf dem zwei fratzenhafte Gesichter im Strudel der rotbraunen Farbe zu verschwinden drohen.Wie ein Programmbild ist das 1938 entstandene Werk im Eingangsbereich der Galerie Brockstedt plaziert, die sich in ihrer Sommerausstellung "Auf den Spuren des Surrealismus" bewegt.

Schon ein erster Gang durch die mit über 50 Werken von 19 Künstlern reich bestückte Ausstellung macht deutlich: Der Surrealismus war keine einheitliche Stilrichtung, der Surrealismus war eine Geisteshaltung.Beeinflußt von der Psychoanalyse Sigmund Freuds, verstanden die Surrealisten psychische Prozesse wie Träume, Visionen und spontane Assoziationen als Ausgangsbasis ihrer künstlerischen Produktion.Es galt, das Unbewußte als Quelle der Inspiration zu begreifen und so das menschliche Bewußtsein von den Fesseln der schnöden Realität zu befreien.

Die Wurzeln dieser Bewegung stecken im Dadaismus, der bereits während des Ersten Weltkriegs die Kunstwelt zu schockieren suchte.Das "Objekt Dada" von 1924/25, die früheste der gezeigten Arbeiten, verweist im Titel auf diesen Ursprung.Der Belgier Paul Joostens stellt eine ins Nichts greifende Frauenhand vor eine Lyra.Es ist ein Werk des Übergangs vom anarchisch geprägten Dadaismus zum theoretisch fundierten Surrealismus.

Formuliert wurde dieses theoretische Fundament vom französischen Schriftsteller André Breton.Er ist der Verfasser des 1924 entstandenen ersten surrealistischen Manifests und Wortführer der anfangs stark literarisch geprägten Bewegung.Bretons enger Vertrauter André Masson hat dessen Idee des "psychischen Automatismus" als erster in die Malerei übertragen.Sein hier gezeigte, kleinformatige Arbeit "Dévoration souterraine" (98 000 DM) scheint den Aufruhr der Seele in ein Bild chaotisch strömender Lava zu übersetzen.

Ganz andere Akzente setzt da der Gentlemen unter den Surrealisten: René Magritte ist mit dem Fragment einer Flasche (34 000 DM) vertreten.In altmeisterlicher Manier hat er einen Frauenakt auf den Flaschenkörper gemalt, der durch den Bruch im oberen Drittel seines Kopfes verlustig gegangen ist.Magritte gehört nicht zu den Suchern des Unbewußten.Er setzt auf Irritation, wenn er alltägliche Dinge und Erscheinungen in einem unerwarteten Kontext zeigt.

Dem Belgier gegenüber findet sich die Arbeit eines weiteren großen Künstlers des Surrealismus.Francis Picabias "Pieris" aus den 30er Jahren - der Titel des Bildes verweist auf eine mazedonische Landschaft, die Heimat des Orpheus und Lieblingssitz der Musen - greift die Mythologie als eines der Lieblingsthemen der Bewegung auf.Für die Surrealisten war der Mythos keine Offenbarung jenseitiger Welten, sondern eine Projektion des Unbewußten.

Die Spur des Surrealismus zieht sich weit in die zweite Hälfte des 20.Jahrhunderts; zwei Drittel der gezeigten Werke, etwa von Heinz Trökes, Hans Thiemann, Hans Bellmer und Mac Zimmermann, sind nach 1945 entstanden.Vor allem der in Berlin und München wirkende Zimmermann besann sich ebenfalls auf die antiken Mythen: Sein blautoniges Gemälde "Orakel" versammelt eine Gruppe gesichtsloser Gestalten um ein dreibeiniges Sitzgestell, auf dem einst die wahrsagende Priesterin des Orakels von Delphi gesessen haben mag.Das sie umgebende Nichts erinnert an die metaphysischen Landschaften Giorgio de Chiricos, einem der Stichwortgeber des Surrealismus.Das Prunkstück der späten Arbeiten ist jedoch Richard Oelzes "Mit der zufälligen Familie" von 1955.Bis zum Tod des Malers 1980 galt das Gemälde als absolut unverkäuflich.Es zeigt eine düstere Jenseits-Landschaft aus anthropomorphen Strukturen, eine Welt irgendwo zwischen Wachen und Träumen.

Galerie Brockstedt, Sächsische Straße 6, bis 30.August; Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, Sonnabend 10-14 Uhr.

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