Kultur : Aufruhr einer Jugend

Sozialrealismus aus Norwegen: Per Pettersons nachgereichter Debütroman

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Auduns bester Freund Arvid liegt nach einer durchzechten Nacht noch im Bett; der Fußboden ist voll mit Kotze. Aus dem Bücherregal zieht Audun den ersten Band von „Anna Karenina“ und liest sich selbst den ersten Satz vor: „Alle glücklichen Familien ähneln einander, jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“ Ein Schlüsselsatz, auch für den ersten Roman des Norwegers Per Petterson, erschienen im Jahr 1992, der nun auch in der gewohnt geschmeidigen Übersetzung von Ina Kronenberger auf Deutsch vorliegt.

Es ist ein weitaus ungestümerer, roherer Roman als „Pferde stehlen“, der seinen Autor vor fünf Jahren zum Geheimtipp gemacht und zu einer Fangemeinde verholfen hat. Das liegt hauptsächlich am Stoff: „Ist schon in Ordnung“ erzählt von einer rebellischen Jugend, von adoleszenter Selbstfindung und, in immer wiederkehrenden Motiven davon, was eine Familie im Kleinen so alles anzurichten vermag. Die Familie ist ein Petterson’sches Grundthema, sei es in Form einer Vater-Sohn-Beziehung, sei es als Nachruf auf die bei einem Unfall verstorbenen Eltern („Im Kielwasser“) oder als letzte Hommage an die kranke Mutter („Ich verfluche den Fluss der Zeit“).

Audun, der Ich-Erzähler in „Ist schon in Ordnung“ ist 13 Jahre alt, als der gefürchtete und gewalttätige Vater wieder einmal von der Bildfläche verschwindet und die Mutter beschließt, das Land zu fliehen und sich in Oslo einen Job zu suchen. Es ist das Jahr 1965. Die ersten Schultage werden zur Machtprobe; Audun weigert sich, seine Sonnenbrille abzuziehen, und auch über seine persönlichen Verhältnisse gibt er keine Auskunft. Nach und nach setzt Petterson ein Mosaik aus tragischen Ereignissen und enttäuschten Lebensplänen zusammen. Da ist die Mutter, die die Gewalttätigkeiten ihres unberechenbaren Mannes, einer Art von Dandy mit Alkoholproblem, zu lange ertragen hat. Auduns älterer Bruder, der im Alter von 15 Jahren mit einem gestohlenen Auto (mit Fuchsschwanz an der Antenne) in den Fluss fuhr und ertrank. Die Schwester, die sich mit einem James Dean für Arme eingelassen hat.

Petterson begleitet Audun durch den Aufruhr seiner Jugend, über fünf Jahre hinweg, bis in das Jahr, in dem Jimi Hendrix stirbt. Der Basso continuo ist eine Aggression, die jederzeit ausbrechen kann, eine Lebenswut, die sich gegen die Verhältnisse richtet und gegen den Vater.

Der taucht eines Tages wie eine Schimäre wieder auf; Audun sieht ihn von Weitem. Der Mutter verschweigt er die Begegnung, doch ist sie der heimliche Motor, der das Buch vorantreibt: „Ist schon in Ordnung“ ist eine kraftvolle, aber nicht muskelspielende Prosa, die einen unsichtbaren Gegner vor sich hat, den es mit allen Mitteln zu bekämpfen gilt.

In chronologisch ungeordneten Sequenzen erzählt Petterson von Grenzerfahrungen und Grenzerkundungen. Als Kind gibt Audun vor, in ein Ferienlager zu fahren und richtet sich in einigen Pappschachteln hinter dem Bahndamm häuslich ein. Als er fürchten muss, entdeckt zu werden, läuft er los, ertrinkt beinahe und wird von einer Bauersfamilie aufgenommen, bei der er sich nach kurzer Zeit mehr zu Hause fühlt als irgendwo sonst zuvor. „Als ich am achten Tag aufstand und die Treppe herunterkam, stand mein Vater in der Küche. Er lächelte und war frisch rasiert, aber in seinen Augen sah ich, was mich erwartete.“

Es ist wie bei Hase und Swinegel: Wo immer Audun hinkommt, erwartet ihn bereits der Konflikt. Und nicht selten ist er selbst daran schuld. Per Petterson ist ein Vertreter des harten, sozial determinierten Realismus. In seinen Schilderungen der Arbeitsbedingungen der Druckerei, in der Audun als Lehrling anheuert, verbinden sich individuelle und gesellschaftliche Befindlichkeiten.

Aus der Krise des Heranwachsenden und den Friktionen der familiären Bindungen weist der Roman bereits früh einen Ausweg: die Literatur. Arvid und Audun sind politisch aufgeladene Leser. Es ist wiederum Arvids Vater, der den Weg weist und Audun Jack Londons „Martin Eden“ in die Hand drückt. „Nachdem ich es gelesen hatte“, schreibt Audun, „wusste ich sofort, dass ich Schriftsteller werden wollte, und wenn es mir nicht gelingen würde, wäre ich ein unglücklicher Mensch.“

Später kommt Hemingway als Hausgott hinzu und dessen legendäres Moleskine-Notizbuch als Arbeitswerkzeug, in das hinein Audun seine ersten Schreibversuche macht. Ob er dadurch zu einem glücklichen Menschen wird? Er ist noch am Leben, immerhin.

Per Petterson: Ist schon in Ordnung.

Roman. Aus dem

Norwegischen von

Ina Kronenberger. Carl Hanser Verlag, München 2011.

218 Seiten, 19,90 €.

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