Kultur : Aufruhr im Staate Dänemark

VANESSA MÜLLER

Die bisherigen Shooting-Stars der Kunstszene waren vornehmlich an den Attributen "jung" und "britisch" zu erkennen.Nach dem Hype der "Young British Artists" zeichnet sich als neuester Trend die Kunst unter dem Banner des Danebrog ab.Die von René Block kuratierte Ausstellung "Something is rotten in the state of Denmark" im Kasseler Fridericianum gibt dem Hamlet-Diktum seine zeitgenössische Wendung und zeigt verschiedene Positionen eines ästhetisch überhöhten Anti-Stylismus.Bei einer Zusammenstellung von zwölf Künstlern bleibt der Eindruck dennoch logischerweise uneinheitlich, das nationale Verfallsmoment kaum mehr als mysteriöse Andeutung.

Gleich im Eingangsraum bedient Olafur Elaisson mit kalkulierter Eleganz das Klischee des Nordischen mit einer quadratischen Eisfläche - eine artifizielle Inszenierung von Natur, die sich künstlich gibt, dabei aber ein sehr natürliches Frösteln beim Betrachter bewirkt.Als moderner Minimalist fabriziert Eliasson eine in den Innenraum gewendete Land Art, die auf die nördliche Hemisphäre bezogen ist, ohne in regionale Romantizismen abzudriften.Auch die filmische, zur Videoinstallation aufbereitete Dokumentation über den Freistaat Christiana in Kopenhagen stammt bezeichnenderweise von den in New York lebenden Künstlern Joachim Koester und Matthew Buckingham.Es ist letztlich eben doch der globalisierte Blick des Kosmopoliten, der die dänische Kunstszene beherrscht.

Klaus Thejll Jakobsen reproduziert erlesene Konsum-Ikonen in Bleistift und Aquarell, Fiberglas und Karton.Ein originalgroßer VW-Beetle steht da mitten im Raum, ein Herd speziell zur Zubereitung von Fisch und Wok-Gerichten und ein teurer Plattenspieler.Das ist gedacht als Sinnbild der Relation von Kunst und Kaufrausch, tut in seiner eleganten Inszenierung aber niemandem weh.

Ann Lislegaard hingegen fasziniert mit ihren Videobildern über Raum, Nicht-Raum und die Illusion von Realität.Raum ist hier kein mathematisches Kontinuum, sondern ein mentales Wahrnehmungsfeld, ein visueller Floating-Space.Menschen mit verfließenden Konturen wandeln durch verzerrte Architektur, die flimmert wie unter großer Wüstenhitze.Sie begegnen sich selbst, um mit ihrem Doppelgänger zu verschmelzen: "Nothing but space", und doch immer wieder neuer Blick in die psychedelischen Sphären jenseits des objektiv Sichtbaren.

Auch Frans Jacobi inszeniert Räume, jedoch als neutrale Transiträume, die temporär besetzt werden, genau wie Künstler während einer Ausstellung nur auf Zeit mit ihren Arbeiten anwesend sind.In Kassel hat er drei Zimmer mit wenigen Handgriffen in kitschige Interieurs verwandelt - ein Koffer voller Buchstaben und ein ungemachtes Bett, Rasenteppich und ein Plastikbaum, aus dem synthetisches Vogelgezwitscher dringt, ein an die Wand genageltes Spitzennachthemd und ein Song von Frank Sinatra.Jakobi gibt sich als Minimalist der Trash-Kultur, doch das Ergebnis wirkt geradezu opulent in den Erinnerungen, die es freisetzt.

Am ehesten illustriert wird das Ausstellungsmotto noch von Peter Land, der sich in seinen Videos als Komödiant von trauriger Gestalt präsentiert, und ohne Rücksicht auf Verluste sein Scheitern als Entertainer in Endlos-Wiederholung demonstriert.Anfangs noch lustig, fällt dem Betrachter bei der x-ten Variante des vom Barhocker stürzenden Land nichts mehr ein.Gefilmte Unzulänglichkeit als subversiver Angriff auf Entertainment, das die eigenen Schwächen kompensatorisch zur Schau stellt.

Es tut sich also was im Staate Dänemark - auch wenn das nationale Label dem ganzen eine Tendenz zu unterstellen sucht, die der international operierenden Kunstszene längst abhanden gekommen ist.Als Strategie - siehe Großbritannien - scheint die Rückbesinnung auf die Heimat indessen momentan recht erfolgsversprechend.

Fridericianum, Kassel, bis 13.September.

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