Kultur : Aufs falsche Pferd gesetzt

Briefe aus dem Gefängnis: Der Kunstbetrüger Wolfgang Beltracchi schreibt Bücher über sich selbst.

Anpassungsvirtuose. Kunstdetektive kämpfen mit Röntgenfluoreszenz-Pistole gegen Fälscher. Hier wird die Technik an einem von Beltracchi gemalten Bild im Stil von Heinrich Nauen (1880 - 1940) demonstriert. Foto: dpa
Anpassungsvirtuose. Kunstdetektive kämpfen mit Röntgenfluoreszenz-Pistole gegen Fälscher. Hier wird die Technik an einem von...Foto: picture alliance / dpa

Im Segler träumt sich Helene Beltracchi auf die Antillen. In Wahrheit saß sie im Gefängnis Köln-Ossendorf und schrieb Briefe an ihren Ehemann Wolfgang – der die Post gleich nebenan im Männergefängnis liest. Dass die private Korrespondenz zweier U-Häftlinge nun für jedermann in dem Buch „Einschluss mit Engeln“ (Rowohlt Verlag, 480 S., 24, 90 €) zugänglich ist, hängt mit der Prominenz des Paares zusammen: Wolfgang Beltracchi steht im Ruf eines verwegenen Kunstfälschers, der gierige Händler wie Experten genarrt und seinerseits mit Gemälden nach Pechstein, Matisse oder Max Ernst sehr gut verdient hat. Bis er im Sommer 2010 gemeinsam mit seiner Frau festgenommen wurde. Die Zeit bis zum Prozess am Kölner Landgericht, der mit einem Deal und relativ milden Urteilen bei offenem Vollzug nach nur wenigen Verhandlungstagen zu Ende ging, verbrachten beide in Untersuchungshaft.

„Was macht deine Gürtelrose, dein Blutdruck, dein Herpes?“, fragt Helene im September 2010. Das sind eher nicht die Informationen, die sich der Leser erhofft hat. Er will Intimes, vielleicht sogar Kompromittierendes über den Kunstbetrieb erfahren. Zum Beispiel, ob es neben den 14 bislang nachweisbaren Fälschungen weitere Gemälde in privaten Sammlungen oder Museen gibt, die von Beltracchi ins Ouevre berühmter Künstler geschleust wurden. Das hieße allerdings zugleich: Es gibt noch mehr Geschädigte, die um Millionensummen prozessieren könnten, solange der Betrug nicht verjährt ist. Doch gerade für jene, von deren Geld auch die Beltracchis luxuriös lebten, hat Helene wenig übrig, wenn sie sich noch im Herbst 2010 über erste Pfändungen empört: „Die kriegen den Hals ja niemals voll, sind so abgezockt und spielen hinterher die Betrogenen!“

Ihrer eigenartigen Umkehrung von Wirkung und Ursache folgen knapp 500 Seiten über jene Zeit, die das Paar „nur hundert Meter voneinander entfernt und doch strikt getrennt“ in der Haftanstalt Köln-Ossendorf verbringen musste. Als Leser wird man von den beiden wahrscheinlich zum ersten Mal derart persönlich hinter deutsche Gefängnismauern geführt und wünscht sich eines innig: Niemals in eine ähnliche Situation zu geraten und mehr als ein Jahr der Willkür einer offensichtlich auf Entmündigung zielenUntersuchungshaft standhalten zu müssen. Der Rest ist Zwischenmenschliches. Gefilterte Notizen eines Paares, das sich mühsam einen Rest von Privatheit zu bewahren versucht, obwohl jede geschriebene Zeile auf ihrem Weg zwischen den Zellen nach verbotenen Worten durchforstet wird.

„Die Lüge steckt nicht im Bild, sondern in der Legende, die es umspinnt.“ Sätze wie diesen liest man dagegen mit Staunen, weil er allen Erwartungen zum Trotz nicht von Wolfgang Beltracchi stammt. Sondern aus dem Vorwort. Der Fälscher begriff vor Gericht wie in aktuellen Interviews seine Arbeit stets als „kreativen Prozess“, in deren Verlauf er das Werk im Stil des jeweiligen Künstlers „ergänzte“. Ein Triumph für den 1951 geborenen Sohn eines Kirchenmalers und Restaurators, den nun alle kennen; der einen originären, von ihm selbst entwickelten Stil allerdings schuldig geblieben ist – weshalb eine Vokabel wie „Anpassungsvirtuose“, die ebenfalls im Vorwort taucht, bei weniger Verständnis durchaus ironisch zu lesen ist. Denn die Lossprechung von der alleinigen Schuld scheint zu vergessen, dass Beltracchi anstelle seiner eigenen Signatur munter mit falschem Namen unterschrieben hat: Macke, Campendonk – und allem Anschein nach auch mit Picasso, Picabia, Utrillo oder Grosz. Dies jedenfalls legt ein zweites Buch nahe, das am selben Tag in demselben Verlag erschienen ist: „Selbstporträt“ (Rowohlt Verlag, 605 S., 29,95 €).

Es enthält das Biografische zum Fall, vor allem aber hat es ein Hardcover, unter dessen Schutzumschlag in silberner Schrift Dutzende Namen aufscheinen. Die 14 Gemälde, um die es im vergangenen Prozess ging, werden garantiert nicht die letzten aus jener Kölner Sammlung Jägers sein, die Beltracchi einst erfand, um seinen Bildern eine Provenienz anzudichten. Das Buch „Selbstporträt“nennt Beispiele wie ein „Horden“-Bild von Max Ernst oder das Gemälde „Energie entspannt“, das angeblich von Johannes Molzahn stammte. Beltracchi schreibt: „Ich habe es 1985 gemalt, Öl auf Leinwand, und Heinz S. gegeben; 1987 wurde es von Marc W. an die Galerie Bodo Niemann in Berlin verkauft. Ausgestellt im Los Angeles County Museum of Art 1988, im Modern Art Museum of Fort Worth 1989, im Kunstmuseum Düsseldorf 1989 und in der staatlichen Galerie Moritzburg Halle 1989, erlangte es in kurzer Zeit eine erstaunliche Provenienz. Eine Heimat fand es schließlich im L. A. County Museum.“

Solche präzisen Beschreibungen, was den Weg der Fälschungen durch zahllose Hände, die Hinterzimmer von Galerien oder aber über Auktionen möglicher Mitwisser anbelangt, machen die Rückschau über Beltracchis kalte Kindheit, das exaltierte Hippie-Dasein und ein späteres Leben als Kunsthändler lesenswert. Im übrigen scheint sich das Paar vielfach abgesichert zu haben. Nicht einmal Experten wie Werner Spies, der mehr als ein halbes Dutzend Werke begutachtete und für echt befand, die angeblich von Max Ernst stammten, werden im Nachklapp für ihre Gutachten kritisiert. Im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“, das jüngst erschienen ist, lässt es sich Wolfgang Beltracchi aber auch nicht nehmen, noch einmal auf die zweifelhaften Verzahnungen im Kunsthandel hinzuweisen, die ihm als Fälscher so geholfen haben. Spies, so Beltracchi, habe für jede Expertise neun Prozent vom Verkaufspreis eines Werkes erhalten.

Den Verlust der kritischen Distanz gibt es am Ende jedoch vielfach zu beklagen. Nicht zuletzt bei dem Autor selbst. Denn auch, wenn sich die beiden Bände als erstaunlich unterhaltsam und literarisch erweisen, wird man den Eindruck nicht los, Beltracchi nutze sie als nächste Bühne einer ohnehin übergroßen Präsenz. Seine Rolle: ein malender Robin Hood, der die Raubritter auf dem Kunstmarktplatz mit ihren eigenen Waffen schlägt. Die Lehre: Wer mit Kunst nur Geld verdienen will, der muss sich nicht wundern, wenn er am Ende betrogen wird. „Es gibt doch gar keine richtigen Opfer“, meint auch Helene Beltracchi. „Die Gemälde waren meist reine Spekulationsobjekte auf einem überdrehten Markt.“ Die Prominenz und Sympathie, die beide nun in der Öffentlichkeit genießen, scheint ihnen Recht zu geben. Dabei haben sie sich selbst mit den unechten Meisterwerken ein falsches Leben gekauft

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