Kultur : Aufschrei mit Dreiklang

KLASSIK

Isabel Herzfeld

„Wie viele Altistinnen sind hier“, fragte Morten Schuldt-Jensen im Kammermusiksaal , „wie viele Soprane – alle anderen sind Herren.“ Als „letzte Zugabe“ nach den umjubelten Darbietungen des RIAS-Kammerchors brachte sein Leiter noch ein veritables Publikumssingen zustande: Genügend begeisterte Sänger des Chorfestes Berlin waren ja da. Damit war momentweise wiedergefunden, was Habakuk Traber in seinem Buch „Stimmen der Großstadt“ anspricht: das Chorsingen als aktivierende und Begegnung schaffende Bewegung, die in der Aufsplitterung in professionelle und Freizeitszenen wie in nationalistischem Missbrauch verlorengegangen war. Durch seine Lesung stellt der Autor die Gesänge in solch komplexe Zusammenhänge. Ambivalenz zwischen der Sehnsucht nach Natureinsamkeit und Volkstümlichkeit einerseits, ihrer Bestimmung für ein großstädtisches Publikum andererseits prägt sie alle. In seinen „Liedern im Freien zu singen“ versetzt Felix Mendelssohn die scheinbare Schlichtheit mit harmonischen Kühnheiten – hier schon Anlass für große Ausdruckskunst des Chores.

Melancholischer und chromatischer noch fallen die Herbstblätter bei Brahms. In Hugo Wolfs „Geistlichen Gesängen“ ist vollends eine Grenze erreicht, hinter der frommer Choralsatz umschlägt in subjektiven Aufschrei. Und wenn es mit Mahler (Bearbeitung: Clytus Gottwald) in sensitivem Stimmaufbau heißt „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ oder der 1942 geborene Sven David Sandström die Stadt Jerusalem in seinem Stück „A New Heaven and a New Earth“ neu erstehen lässt, dann ist auch in geräuschhaften Reibungen, in dissonant entgleisenden Dreiklängen letzte Transzendenz des Vorgegebenen erreicht.

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