Kultur : Aufstand der Schmetterlinge

Filme aus der Frühzeit des Kinos bei den Oberhausener Kurzfilmtagen

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Bei Fritz Langs „Metropolis“ findet sich jedes Jahr ein neuer Vorwand für eine Galaschau. Und sein 293-Minuten-Opus „Die Nibelungen“ wurde jüngst in der restaurierten Fassung in der Deutschen Oper Berlin gefeiert. Beide Filme stehen für das, was unbefangene Kinointeressierte mit den sprachlosen Anfängen der Filmgeschichte verbinden: gewichtige Stoffe in aufwendigem Gewand, umweht von einem Hauch Bildungsbeflissenheit. Dazu Murnau und Griffith, und zur Erholung noch ein paar Lacher von Chaplin & Co.

Doch zwischen Skladanowskys boxendem Känguru aus den Urzeiten des Kinos und dem langen Stummfilm der zwanziger Jahre erstreckt sich immer noch fast unbekanntes Kinoland. Lange Zeit galt die Zeit zwischen den ersten öffentlichen Vorführungen 1895 und D. W. Griffiths „Birth of a Nation“ 1915 als vernachlässigenswerte und nahezu primitive kinematografische Vor- und Frühgeschichte. Das änderte sich erst mit der Hundertjahrfeier des Kinos, der frischen Neugier jüngerer Filmhistoriker und den Fortschritten bei der Restaurierung und Zugänglichkeit des Materials. Plötzlich traten die den Jahrmarktsbuden und Varietés entwachsenen frühen Spielformen des neuen Mediums ins öffentliche Interesse. Die Filme der Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, der entscheidenden ökonomischen und ästhetischen Bruchstelle, sind keineswegs nur unentwickelte Vorstufen späterer Inhalte und Formen, sondern punkten mit eigenen Reizen und Attraktionen.

Auf den 56. Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen ist das frühe Kino aus den Archiven soeben besonders konturiert herausgetreten – „Vom Meeresgrund: Das Experiment Film 1898–1918“ hieß das opulente zehnteilige Sonderprogramm europäischer Filme der ersten zwanzig Jahre. Das passt: Die frühen Filme waren kaum länger als eine Viertelstunde und wurden in Oberhausen publikumswirksam in einer Abfolge erhebender und erheiternder, informativer und unterhaltsamer Momente dargeboten. Dabei wurde der Bogen vom Western zum Wissenschaftsfilm gespannt, von farbenprächtig handkolorierten „Féerien“-Zauberwelten bis zum nachgestellten prä-eisensteinschen Matrosenaufstand. Es gab pfiffige Hunde, aufbegehrende Schmetterlinge und ein tanzendes Schwein; vor allem aber aufmüpfige Frauen, die sich den an sie gestellten Forderungen mit Witz, Körperkraft und einiger Randalebereitschaft widersetzten.

Tatsächlich enthält die vielfältige Formenpracht des frühen Kinos schon erstaunlich viel von dem, was wir heute mitunter noch für innovativ halten – und dies dank der Kürze oft in bewundernswerter Prägnanz. Da sind die zarten Farben und raffinierten Tricks ebenso wie narrative Split-Screen-Effekte, Ironie und Selbstreflexivität. Stärker noch aber ist das Erschrecken über das, was verloren ging: eine Unbefangenheit und Ungebärdigkeit – etwa in den Erzählformen oder den (Selbst-)Darstellungen des Weiblichen, die in den späteren Standardisierungen der Kunstform Film erstarben.

Auch der Blick auf das 19. Jahrhundert richtet sich neu. Denn, so die These der Kuratoren Eric de Kuyper und Mariann Lewinsky, im frühen Kino verdichtete sich das 19. Jahrhundert zu einem grandiosen Panorama, das vom Naturalismus bis zum Art Nouveau reicht und den heraufkommenden Surrealismus spüren lässt. Vieles aus Malerei und Filmkunst der Avantgarde erscheint in Kenntnis dieser funkelnden Miniaturen in neuem Licht. Angeführt wurde das frühe Filmwunder von den Pionieren des französischen Kinos mit den beiden Produktionsfirmen Pathé und Gaumont, die bis zum Einbruch des Filmmarktes durch den Krieg weltweit führend waren.

Der Titel „Vom Meeresgrund“ steht dabei für die Bergung des vom Grund der Archive gefischten Materials, bezeichnet aber auch einen Film, der aufs Schönste zeigt, wie sogar materieller Verfall zum ästhetischen Gewinn beitragen kann: „Die Hexe Zoraide“ (Frankreich, um 1907) ist eine Unterwasser-Feérie mit Teufeln, Muschelwagenprozession und Riesenperle, die zusätzlich zur intendierten Koloration heute durch die Zersetzungsprozesse des Materials in den fantastischsten Farben leuchtet. Historischer Purismus ist eben nicht immer angemessen – schon weil wir und die Welt uns geändert haben.

Und überhaupt: Hat nicht der Kurzfilm gerade im Youtube-Zeitalter enorm neues Leben gewonnen? Auch die frei vagabundierenden Strukturen der OnlineFilmbörsen erinnern an die anarchistischen Anfänge der Kinokultur. Und selbst die aktuelle Urheberrechtsdebatte ist nicht so neu. Gaumont und Pathé etwa wollten ihre Produkte bald urheberrechtlich sichern. Nur gab es damals für das neue Medium Film noch keine verbindliche Rechtsgrundlage. Also behalf man sich damit, auf jedem Zwischentitel das auch damals schon markenrechtlich gesicherte Logo einzukopieren. So ist das omnipräsente Bild der Filme der Hahn von Pathé.

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