Kultur : Aufstand in Metropolis

Paris, Berlin, Los Angeles: Entsteht Gewalt immer an der Peripherie? Eine Topografie der Großstadt

Bernhard Schulz

Es klingt beinahe zynisch, dass in Vitrysur-Seine, einem der zahllosen gesichtslosen Vororte von Paris, erst vor zwei Tagen ein bemerkenswert großes Museum für zeitgenössische Kunst eröffnet wurde. Für die rund 30 Millionen Euro Errichtungskosten hätte man – ja was? Hätte man Jugendklubs bauen sollen, Bolzplätze, ABM-Werkstätten? Wo liegt überhaupt Vitry-sur-Seine?

Paris ist umgeben von einem Kranz mehr oder minder hässlicher Vorstädte. Drinnen und draußen gehört zur Geschichte von Paris: drinnen in der Stadt, in der sich das gesamte öffentliche Leben der Grande nation konzentriert, draußen vor ihren Toren, wo die Zugezogenen, die kleinen Leute leben. Die banlieue hat immer rot gewählt, es gibt einen Vorort namens „Le Kremlin“, und selbst eine Avenue Staline ist zu finden. 1965, noch unter Präsident de Gaulle, begann das Städtebauprogramm der villes nouvelles, das das Bevölkerungswachstum in geordnete Bahnen lenken sollte. So entstanden neben dem ungeregelten Emporschießen der immergleichen Wohnhochhäuser, die sich bereits bis nach Paris hineingefressen hatten, architektonisch ambitionierte Gemeinwesen, manche mit künstlichen Seen und gestalteten Hügeln. Eines wurde sogar zum Bistum erhoben und mit einer Kathedrale nach Entwurf des Schweizer Stararchitekten Mario Botta versehen: Evry, gleichfalls im Südosten der Metropole.

Die Zahl der Kirchgänger dürfte sich hier wie überall in den Vorstädten in Grenzen halten. Um die Ecke der Kathedrale liegt eine größere Moschee, kleinere Bethäuser gibt es überall. Und ob die Zahl der Museumsbesucher in Vitry eine nennenswerte Größe erreichen wird? Kultur als Allheilmittel oder auch nur Sedativum für explosive soziale Gemengelagen, das dürfte dieser Tage von keinem Politiker mehr gefordert oder auch nur im stillen Kämmerlein gedacht werden.

In der banlieue ist Vorstadt nun einmal Vorstadt, ungeachtet diverser Kulturhäuser von teils durchaus beachtlichem Ruf und abgesehen auch von wenigen Exklaven für Betuchte. Denn auch die suchte die französische Planungsbürokratie, wenngleich mit jahrzehntelanger Verspätung, im Umland zu verankern. Die soziale Mischung stimmt dennoch nicht. Und sie stimmt umso weniger, je weiter hinaus die Linien der Vorort-Expresszüge reichen, um besser gestellten Einkommensbeziehern mit Familien ein Leben im Grünen und das Arbeiten in der Stadt zu ermöglichen.

Ob diese spezifisch französische Polarität von Zentrum und Vorstadt die Ursache der Malaise ist, bedarf genauerer Untersuchung. Bis dahin wird es an Nachahmungstätern nicht mangeln. In Berlin hat es schließlich auch eine Weile gedauert, bis der Politik bewusst wurde, dass sich die Randale vom 1. Mai seit jeher mit politischen Parolen tarnte, während es lediglich um den juvenilen Spaßfaktor an Feuerschein und Risiko ging. Und natürlich findet die Randale am Wohnort der Mehrzahl der Beteiligten statt. Berlin ist besonders unübersichtlich: als polyzentrische Stadt mit einander abwechselnden wohlhabenden und problembeladenen Gebieten. Früher zog man „nach Westen“, das war, aus Sicht der historischen Mitte der Stadt, eine eindeutige Richtung. Seither aber kann das Wegziehen auch ein Hineinziehen bedeuten, hinein in die besseren Gegenden Charlottenburgs oder seit der Wende auch nach Prenzlauer Berg.

Dem französischen Modell diametral entgegengesetzt ist das amerikanische. Die suburb war seit ihrem Aufkommen im Zuge der Motorisierung, ganz besonders aber in den Prosperitätsjahren nach dem Koreakrieg, das Versprechen auf ein besseres Leben. Auf ein Leben in der Konformität des Konsums, aber mit beständig wachsendem „Lebensniveau“. Als dessen Parameter boten sich mangels Alternativen und vor allem mangels eines soziologischen Problemhorizonts die Ausstattungsgrade mit langlebigen Konsumgütern an, bis hin zur Größe der carport genannten Mehrfachgaragen. Unzählige Bücher und Filme sind über das Leben in Suburbia entstanden – bis hin zu den TV-Serien der „Simpsons“ oder den „Desperate Housewives“. Auf je verschiedene Weise loten sie die Absurdität und die Abgründe des dortigen Alltags aus.

Während Paris und andere zentralistische Metropolen Europas – wie Mailand – im Lauf ihres Wachstums gewissermaßen explodiert sind, implodierte die amerikanische Stadt. Sie vertrieb ihre Bewohner, zumal ihr Bürgertum, ins Umland, um das Zentrum den Armen, Arbeitslosen und Migranten zu überlassen. In Detroit, noch in den Zwanzigerjahren stolze Kapitale des Welt-Automobilbaus und von europäischen Architekten wie Erich Mendelsohn als Modell der Zukunft besucht und bewundert, hat eine Art Renaturierung eingesetzt – manche brach liegenden Grundstücke dienen als Schrebergärten für eine Form der Subsistenzwirtschaft, wie sie im Europa des Nachkriegs-Sozialdemokratismus längst beseitigt wurde.

Auch Detroit ist nur ein Muster für heutige Städte. Ein anderes ist Los Angeles. Seit der Soziologie Mike Davis dieser Agglomeration 1990 sein bahnbrechendes Buch „City of Quartz“ widmete, hat die Zahl der Untersuchungen zur Mikrostruktur dieses Flickenteppichs von höchst sichtbar abgegrenzten Einzelkommunen erheblich zugenommen. Davis nennt Los Angeles das „Paradox der ersten postindustriellen Stadt im präindustriellen Gewand“ und spielt damit auf die verwirrende Gleichzeitigkeit höchst ungleichzeitiger sozialer und ökonomischer Strukturen an. Millionen hispanischer Einwanderer bilden mittlerweile das Rückgrat des produktiven Gewerbes, das oft in patriarchalischen Strukturen organisiert ist.

Die Frage nach Zentrum und Peripherie ist im Großraum Los Angeles nicht mit einem Entweder-Oder zu klären. Reiche communities grenzen an arme, wobei tatsächliche Grenzen in Gestalt von Überwachungs- und Sicherungssystemen unübersehbar sind, abgesehen von der in den wohlhabenden Gemeinden allgegenwärtigen Polizei. Die periodisch aufflackernden Unruhen vor allem im südlichen, armen Los Angeles haben die soziale Einordnung von „Besitzenden“ und „Besitzlosen“ ohnehin obsolet gemacht, weil sie vielfach entlang ethnischer, damit zugleich aber ökonomischer Zuordnungen verlaufen. Blacks gegen Hispanics und alle gegen asiatische, als Arbeitsfanatiker verschriene Migranten: Das ist eine düstere Alltagswirklichkeit von Multikulturalität. Die in den öden Siedlungen des meerabgewandten valley dahinlebenden weißen Vorstadt-Hausfrauen kommen darin noch nicht einmal vor.

Dass Unruhen das mit Kulturbauten aufgehübschte Zentrum von downtown L.A. je erreichen könnten, ist so unwahrscheinlich wie an einem entgegengesetzten Ort der Welt: in Moskau. Keine Vorstädte im europäischen oder amerikanischen Sinne umgürten Moskau – wie alle „sozialistischen“ Metropolen –, sondern Trabantensiedlungen, die sich seit der explosionsartig angewachsenen Motorisierung entlang der Ringautobahnen organisieren. Die Monotonie des industrialisierten Bauens hat eine Gleichförmigkeit der Lebensformen mit sich gebracht, die bis zum Zusammenbruch des Sozialismus zwar keine nennenswerte soziale Differenzierung kannte – „Arbeiter und Professor unter einem Dach“, so der gängige Slogan –, dafür aber eine Monotonie des Alltags. Sie reicht bis zur Desorientierung nächtlicher Heimkehrer, die ihren eigenen Wohnblock in der Düsternis der schlecht erleuchteten Straßen und Trampelpfade nicht mehr finden konnten. Die enorme soziale Segregation, die im Sog der rapiden Entsozialisierung eingesetzt hat, zeitigt dafür im Moskau der Gegenwart ein Niveau an Überwachung des öffentlichen Raums und der abgesicherten Wohlhabenden-Wohnblocks, das in seiner Präsenz nicht einmal in den USA seinesgleichen hat.

Nach 70 Jahren Sozialismus und 15 Jahren eines machtzentrierten Postsozialismus ist dort kein Potenzial für Unruhen à la française ersichtlich. Die klassische russische Form des Protests ist ohnehin die Verweigerung – bis hin zum nach wie vor grassierenden Alkoholismus, der seinen Nachschub an den stets geöffneten Kiosken rings um die jeweils lokale Unterzentren ausbildenden U-Bahnhöfe findet. Im Verhältnis von Zentrum und Peripherie ähnelt Moskau seinem Pariser Pendant. Der Glanz lockt in der Innenstadt – einschließlich unerschwinglich hoher Wohnungspreise. Armut und zunehmend auch Arbeitslosigkeit nisten in den zerfließenden Hochhaussiedlungen.

Aber es ist doch Stadt: in Moskau wie in Paris, in Mailand und selbst in Los Angeles. Wo die Stadt indessen zur Karikatur ihrer selbst wird, das ist Las Vegas. Hier finden sich von einem Pariser Eiffelturm bis zur New Yorker Skyline alle Versatzstücke dessen, was das Versprechen der Großstadt ausmacht. Die Frage, ob in Las Vegas Unruhen möglich wären, erscheint geradezu aberwitzig. Und doch bildet Las Vegas, übrigens eine der am schnellsten wachsenden amerikanischen Gemeinden, unvermeidlich all diejenigen Probleme aus, die andere Städte gegenwärtig erleben – und manche vielleicht schon hinter sich haben.

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