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Aufstand von Sobibor : Gerechtigkeit mit der Axt

21.12.2009 00:00 UhrVon Thomas Lackmann

Thomas Lackmann erinnert an den Lageraufstand von Sobibor.

Was tat Ivan Demjanjuk am 14. Oktober 1943 um 16 Uhr? In seinem Prozess vor dem Münchner Landgericht, der an diesem Montag fortgesetzt werden soll, wird er kaum danach gefragt werden. Der gebürtige Ukrainer ist angeklagt, ab dem 27. März 1943 als Wachmann im KZ Sobibor bei der Vergasung von 27 900 Menschen geholfen zu haben. Am 14. Oktober fand dort der einzige erfolgreiche Lageraufstand gegen das Holocaust-System statt. Zwölf SS-Leute und zwei ihrer ukrainischen Helfer werden getötet. 365 Arbeitsjuden gelingt der Ausbruch. Die anderen und die Wiedereingefangenen werden erschossen. Die Tötungsfabrik wird dem Erdboden gleichgemacht.

Kürzlich haben polnische Forscher Felder mit der Asche von 250 000 Ermordeten gefunden.

Claude Lanzmanns Film „Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr“ (2001) dokumentiert den Aufstand. „Nein, ich hatte noch niemanden getötet, ich hatte keiner Fliege etwas zu Leide getan,“ sagt Yehuda Lerner dort im Interview. „Wir erkannten, dass niemand aus Sobibor lebend herauskommen würde. Wir beschlossen, dass man an diesem Ort keine Zeit verlieren durfte.“ Zimmerleute organisieren Äxte, SS-Männer bestellt man zur Besprechung in Werkstätten, kurz vor vier wird der Strom abgeschaltet. Die Deutschen sind superpünktlich. Lerner wartet mit der Axt unterm Mantel. „Ich empfand es wirklich als Ehre, dass sie mich wählten, einen Deutschen zu töten“, sagt er. „Wir hatten keine Wahl, wir würden umkommen, aber wir wollten wie Menschen sterben. Ich kann behaupten, dass ich ihm den Schädel spaltete, als hätte ich im Leben nichts anderes getan.“

Ein anderer, Dov Freiberg, berichtete 2000 im Tagesspiegel von der Revolte, sein Buch „To Survive Sobibor“ erschien 2008 in den USA, seine Aussage im Eichmann-Prozess über einen „schrecklichen Ivan“ steht seit 2009 im Internet. Aber die Sobibor-Rebellion ist in Deutschland bislang eher unbekannt: Sie passt schlecht zu der dominierenden Vorstellung von Juden als wehrlosen Opfern.

Lerner und Freiberg haben sich, aktiv oder flankierend, an der Exekution von 14 Mördern beteiligt. Demjanjuk, über den zur Zeit oft geschrieben wird, er sei ein armes Schwein gewesen, hat – dem sowjetischen Hungerterror entronnen – in Kauf genommen, bei der industrialisierten Liquidation tausender Frauen, Kinder, Männer zu helfen: um als Kriegsgefangener zu überleben. Am 14. Oktober 1943 steht er auf der anderen Seite.

Die Proportionen des bizarren Vergleichs sind asymmetrisch. Was darf man tun, um seine Haut zu retten, die einzige, die man hat? Dennoch belegt eine solche Gegenüberstellung, dass der Selbsterhaltungstrieb nicht das einzige Kriterium für die Beurteilung menschlichen Handelns sein kann. Es gibt Kontexte, die dabei einzublenden sind.

In Sobibor heißt der Kontext zweifelsfrei wie nie: das Böse. Die irrationale These, es gebe das Böse tatsächlich, ist für uns allerdings eine politisch unkorrekte Zumutung. Mit der Aufklärung, die unser Denken prägt, entstand ein zivilisatorischer Konsens über den ursprünglich guten homo sapiens, der nur positiv geformt werden muss.

Dov Freiberg erinnerte sich während des Eichmann-Prozesses an einen SS-Mann mit menschlichem Verhalten. Im Interview erwähnte er Lieder ukrainischer Wächter: „Die können singen! Ich saß da, putzte die Waffen, sie sangen ihre Romanzen. Ich war so gerührt, dass ich alles vergaß. An diesem Ort! Das Feuer schlägt zum Himmel, du siehst es durchs Fenster, den ganzen Tag. Und sie singen so wunderschön. Manchmal wehrte ich mich dagegen, aber ich mochte es!“

Dass das Böse attraktive Seiten hat, macht die ultima ratio, den Dienern des Bösen den Kopf zu spalten, nicht einfacher. Freiberg starb 2008, Yehuda Lerner ist 83. Ivan Demjanjuk ist 88. Die Nachgeborenen beobachten seinen Prozess. Auf eine Situation, in der keine Zeit zu verlieren ist, auf die Notwendigkeit, einen Vernichtungsapparat wenigstens kurzzeitig zu stoppen, auf die existenzielle Entscheidung zwischen Gut und Böse sind wir so wenig vorbereitet wie die jungen Männer vom 14. Oktober 1943. Wir müssen ihre Geschichte weitererzählen.

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