Kultur : Aufsteigen, abstürzen

CHRISTINA TILMANN

Vorsicht, Absturzgefahr.Könnte es sein, daß das flaue Gefühl, das unsereins beim Start eines Flugzeuges beschleicht, dem Lampenfieber einer Gruppe vor ihrem Konzert gleicht? Beim ersten Auftritt der britischen Newcomer-Band im Podewil jedenfalls wäre das Gefühl berechtigt: Von Anfang an geht alles schief.Die Schlagzeugerin bricht plötzlich aus - "sie hat ihr Rhythmus-Gefühl verloren", erklärt der Gitarrist -, die Sängerin verliert sich in solipsistische Fernen, und dann fällt auch noch der Strom aus.Grund genug, erst einmal eine kollektive Therapiesitzung einzuberufen mit gegenseitigen Streicheleinheiten: "Du, das war echt stark" - "Du bist wirklich sehr talentiert".

Die deutsch-englische Gruppe "Gob Squad", deren eigenwillige Performance sich gekonnt zwischen Konzert, Theater und Live Art bewegt, spielt mit den Erwartungen des Publikums.Ein Einstiegsinterview schon hatte Gefühle offenbart, die ebenso erlebt wie fiktiv sein können: Die lästigen Folgen des Ruhms, die langen Flughafenaufenthalte, ständigen Ortswechsel, anonymen Hotelzimmer und immer wieder die Angst vor dem Auftritt.Dieser - sei er nun eine Musikperformance oder ein theatralischer Flugzeugabsturz - bewegt sich im gänzlich virtuellen Rahmen zwischen Videoprojektion - "Live-Video" spiegelt uns eine Aufzeichnung vor, während die echte Übertragung mit "Fake" demontiert wird - und eingespielten Publikumsreaktionen.Eine "Gehn-wir-auf-Nummer-Sicher"-Show, die kokett mit der eigenen Unsicherheit spielt, aber keine Störung durchs Publikum riskiert und ebensogut auf einer Stadionbühne wie im kleinen Podewil funktionieren könnte, oder auch gleich auf dem Bildschirm.

"Erwarten sie keine Erzählungen, erwarten Sie keine Schauspieler, keine Künstlichkeit, keine Antworten" hat die englische Dozentin Lois Keidan die Kunstform "Live Art" beschrieben."Gob Squad", in Deutschland bekannt, seit sie auf der documenta X gemeinsam mit dem Regisseur Stefan Pucher die Performance "15 minutes to comply" aufführten, haben bislang auf Parkplätzen vor Luxuslimousinen, in Büros und in U-Bahnhöfen gespielt.In ihrem ersten "echten" Theaterprojekt "Safe", das derzeit im Podewil gastiert, haben sie sich einen wirksamen Mix aus englischem Humor, deutscher Videokunst und gediegener Trash-Musik zwischen Abba, Grönemeyer und Queen zusammengestellt.Doch so richtig abheben tun sie nicht.Abstürzen allerdings auch nicht.

Noch bis 21.April, 20 Uhr

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