Kultur : Auftakt der Berlinale: Festival, die zweite

Harald Martenstein

Reden wir über Stalingrad, über die "Süddeutsche", über Moritz Rinke, im Grunde ist eh alles das Gleiche. Stalingrad gehört bekanntlich neben St. Pauli, Amsterdam und Pattaya zu den großen Sexmetropolen dieser Erde. Das weiß man seit Konsalik und seit Joseph Vilsmaier. Beim Vilsmaier gibt es diese tolle Szene mit Dana Vavrova, wo sie (mitten in der Schlacht!) in Strapsen auf dem Bett rummacht und den heranstürmenden Faschisten den dramaturgisch überraschenden Satz "Fick mich!" entgegenschleudert.

Auch in dem neuen Stalingradfilm von Annaud kommt es zu Liebesnächten an der Wolga, während im Hintergrund die Stalinorgeln ihr Lied singen. Man sieht auch einen fast nackten deutschen Offizier beim Duschen, er erinnert stark an Daniel Deubelbeiss, den Medienberater von Babs. Daniel Deubelbeiss würde wahrscheinlich sagen: Den Krieg mit Russland hat eh Boris Becker angefangen. Am besten aber ist die Musik. Das pratzt dermaßen. Jeden Moment rechnet man damit, dass die drei Tenöre aus den Schützengräben steigen.

Unser Kollege Rinke hat vor ein paar Jahren der Konkurrenz ihr Stalingrad bereitet, als er bei der Berlinale einen einzigen Film zu besprechen hatte, einen nur, dieses unscheinbare staubbedeckte brasilianische Roadmovie. In seiner Kritik schrieb er, der Tollkühnheit die Spitze aufsetzend: Dieser Film wird den Goldenen Bären bekommen. So geschah es auch, unglaublich. Solch Maß an Prophetie galt der Fachwelt bisher als unübertreffbar, bis am Dienstag die "Süddeutsche" herauskam und - einen Tag vor Beginn des Festivals - bereits den Goldenen Bären kannte. Der Film "Traffic" von Steven Soderbergh hieß es - in der Überschrift! im Feuilleton! - sei "auf der Berlinale ein sicherer Sieger". Ein sicherer. Sie haben nämlich in München vor ein paar Tagen ein Vierteldutzend Hellseher aus Frankfurt eingekauft.

Der Stalingradfilm hat fast so viel Geld gekostet wie der Russlandfeldzug, davon haben Tausende Babelsberger Proletarier monatelang ihren hungrigen Kindern Milch gekauft und ihren Gefährtinnen Strapse. So hat aus deutscher Sicht am Ende der Krieg doch noch einen Sinn gehabt. Aber welchen Sinn hat eine Berlinale, bei der man den Sieger schon am ersten Tag kennt? Es gibt ja auch kaum Partys heuer. Beim Stalingradfilm haben sie zu einem Cocktailempfang geladen - erst 180 Millionen ausgeben, und dann ein Cocktailempfang? Das Verschwinden der Partys führen Experten darauf zurück, dass es im neuen Berlin sowieso dauernd super Partys gibt, da muss man während der Berlinale nicht noch zusätzliche super Partys veranstalten. Berlin ist nämlich, verglichen mit München, ein sicherer Sieger.





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